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Difu-Berichte 3/2007 - Standpunkt: Städte und ältere Menschen – eine neue Liebesbeziehung?

Prof. Dr.-Ing. Klaus J. BeckmannMit dem Wissen um die unvermeidliche Alterung unserer Gesellschaft finden die Bedürfnisse der älteren Generation in Wirtschaft, Werbung, Medien, Gesundheitswesen, aber auch Wissenschaft und Kultur eine verstärkte Aufmerksamkeit. Die Lebensphasen der „alten Jungen“ (55-65 Jahre), der „jungen Alten“ (65-75 Jahre), der „Alten“ (75-85 Jahre) und der „Betagten“ (über 85 Jahre) werden zunehmend als interessante Marktsegmente entdeckt. Dies wirkt sich auf Produktgestaltung, Dienstleistungen und die Entwicklung neuer Marktsegmente aus – im Bereich des Wohnens beispielsweise als „generationsübergreifendes Wohnen“. Dabei finden die spezifischen Wünsche, Bedürfnisse und Leistungsfähigkeiten älterer Menschen vermehrt Beachtung. Zudem werden ältere Menschen inzwischen auch als finanzstarke Nachfrager erkannt und umworben. In Bereichen wie der Automobilindustrie, wo öffentlich bisher eher junge und dynamische Zielgruppen angesprochen wurden, geschieht eine Berücksichtigung der Belange älterer Menschen zum Teil noch sehr versteckt und unter Hervorhebung anderer Aspekte wie Verkehrssicherheit, innovative Leitsysteme, Umweltschutz, Multifunktionalität.

Als Wohnstandorte und Aktionsräume vieler alltäglicher Aktivitäten bleiben die Städte von diesen Entwicklungen nicht unberührt. Für die Städte ergeben sich gleichermaßen neue Anforderungen wie vielfältige Chancen. Die Diskussion konzentriert sich eher auf die veränderten Anforderungen an Wohnungen, Wohnumfeld, Infrastruktureinrichtungen und Verkehrssysteme. Die besonderen Chancen, die Städte gerade auch für ältere Menschen bieten und die sie durch diese erhalten, bleiben häufig unbeachtet.

Städte bieten viele Vorteile für ältere Menschen: gute baulich-räumliche Strukturen und Infrastrukturausstattungen, vielfältige Verkehrs- und Transportangebote, Verschiedenartigkeit der Wohnungsangebote, Vielfalt der Leistungsbereiche in Handel, Dienstleistungen, Bildung, Kultur, Betreuung, Gesundheit, Wellness. Vor allem ermöglichen urbane Lebensformen durch ihre Vielfalt auch die Selbstbestimmtheit sozialer Kontaktmöglichkeiten.

Die Chancen und Potenziale liegen in:

  • einer sehr weitgehenden Sicherung und Förderung eines selbstbestimmten und selbstständigen Lebens durch die Verfügbarkeit einer breiten Palette von Angeboten an personen-, haushalts- oder wohnungsbezogenen Unterstützungsdiensten,
  • der Vielfalt der Wahlmöglichkeiten,
  • der räumlichen Nähe und multimodalen Erreichbarkeit.

Gleichzeitig müssen mögliche Defizite bzw. Beeinträchtigungen für die Lebenssituation alter Menschen konstatiert werden. Hierzu gehören die Gefahr sozialer Isolation („Vereinsamung“), das subjektive Empfinden mangelnder „sozialer Sicherheit“ oder auch Umweltbelastungen in Form von Lärm, Schadstoffen – und zunehmend die Veränderung kleinklimatischer Bedingungen. Auch die für Städte typische Geschwindigkeit – insbesondere des Verkehrs – überfordert viele ältere Menschen, da nachlassende Wahrnehmungs-, Reaktions- und Bewegungsfähigkeiten zu Unsicherheit und Beeinträchtigung führen können.

Sind Städte auf ältere Menschen angewiesen?
Unzweifelhaft ist also, dass ältere Menschen – insbesondere bei entsprechender individueller „urbaner“ Zugeneigtheit – in Städten besondere Vorteile und Chancen vorfinden. Dieses Verhältnis zu Städten ist jedoch ein gegenseitiges, da auch Städte künftig zunehmend auf die Leistungs- und Erfahrungspotenziale älterer Menschen angewiesen sein werden. Ältere Menschen sind bei Weitem mehr als bisher beachtet ein wichtiger Teil der Gesellschaft, stellen ein wichtiges „Humankapital“ dar. Sie können Beiträge im Arbeitsmarkt leisten. Sie sind wichtige – zum großen Teil auch finanzstarke – Nachfrager für Handel und Dienstleistungen. Sie wirken vermehrt in Aus- und Fortbildung mit. Sie sind ein wesentlicher Leistungsträger im Vermittlungsbereich der „Gegenseitigkeit“. Dies kann beispielsweise die Unterstützung für andere ältere Menschen durch soziale Kontakte, gemeinsame Aktivitäten, aber auch durch die Betreuung und Versorgung gesundheitlich schlecht situierter Altersgenossen sein. Auch ein verstärktes Engagement zwischen den Generationen durch Kinderbetreuung, Schularbeitenhilfe, Beratung von Berufsanfängern, Betreuung der Wohnungen Erwerbstätiger usw. ist denkbar und nimmt in den letzten Jahren stetig zu. Profitieren können also beide Seiten: Ältere Menschen bleiben nicht allein, nachdem die durch Mobilitätszwänge häufig fern wohnenden eigenen Kinder nicht mehr greifbar sind – Erwerbstätige junge Familien, die aus dem gleichen Grunde fern der Eltern leben, können so generationenübergreifende Kontakte knüpfen.

Das für Städte über viele Jahrhunderte charakteristische Prinzip einer – zumindest partiellen – Solidargemeinschaft könnte insbesondere für und durch ältere Menschen gestärkt werden. Hier ergibt sich eine gewisse „Renaissance genossenschaftlicher Systeme“ für die Bereiche der Unterstützung, Betreuung und Pflege. Eine Reihe von Beispielen zeigt die Chancen. Sie gewinnen gegenwärtig an Bedeutung.

Ältere Menschen und Nationale Stadtentwicklungspolitik
Sowohl die „Leipzig-Charta“ als auch das Memorandum „Nationale Stadtentwicklungspolitik“ heben die Bedeutung einer „integrierten Stadtentwicklungspolitik“ hervor. Mit dem Anspruch einer räumlichen, zeitlichen und sektoralen Integration der kommunalen Politik- und Handlungsfelder ergibt sich das unabweisbare Erfordernis, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Akteure mit ihren Leistungsmöglichkeiten und -anforderungen zu berücksichtigen und einzubinden. Sie müssen letztlich Träger der Politik werden. Dies bedeutet, dass kommunale Politik für ältere Menschen im Sinne einer „altenfreundlichen“ Stadtentwicklung alle kommunalen Handlungsfelder zusammenführen muss: die der Wohnungsversorgung, der Gestaltung von Stadt- und Stadtteilzentren mit ihren Einzelhandels- und Dienstleistungseinrichtungen, der Versorgung mit sozialer und kultureller Infrastruktur, aber auch der Verkehrs-/Mobilitätsgestaltung, der Schaffung und Qualifizierung städtischer Räume, der kommunalen Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik sowie Wirtschaftsförderung.

Die besondere Berücksichtigung von Quartieren, die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind, unterstützt die soziale Integration und verringert die Entstehung sozialer Ausgegrenztheit („social exclusion“). Dabei geht es nicht nur um die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch um die Integration der Menschen unterschiedlicher sozialer Situationen. Dies betrifft in Zukunft voraussichtlich zunehmendauch ältere Menschen, deren finanzielle Alterssicherung nicht mehr ausreichend sein wird. Die Vermeidung altersstruktureller Segmentierungen – in Verbindung mit sozialer Ausgrenzung – ist daher eine wichtige Aufgabe der gesamten Stadtentwicklungspolitik und der Stadtentwicklung in Quartieren.

Ziele und Anforderungen älterer Menschen mehr in den Blickpunkt rücken
Die Gewährleistung von Möglichkeiten eines selbstbestimmten und unabhängigen Lebens setzt entsprechende Wohnformen voraus. Die – schon in jungen Jahren – veränderten Familien- und Haushaltsformen müssen auch im Alter berücksichtigt werden: Alleinstehend als Lebensprinzip, Alleinstehende aus sich auflösenden Familien, Ehen und/oder Lebensgemeinschaften auf Zeit, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Wohngemeinschaften. Die Wohnformen müssen – je nach Bedarf – unterschiedliche Formen des Allein- oder Zusammenlebens ermöglichen („generationsübergreifendes Wohnen“, Altenwohnungen, Altenwohngemeinschaften usw.), unterschiedliche Intensitäten der Unterstützung und Betreuung zulassen, eine selbstständige Versorgung im Nahraum ebenso ermöglichen wie eine weitgehend selbstständige Teilnahme am Verkehr – als Autofahrer, Fußgänger, Nutzer des ÖPNV oder Fahrradfahrer. Dazu gehören hochwertig gestaltete und möglichst immissionsfreie Straßen-, Platz- und Freiräume.

Menschen der heutigen wie auch der zukünftigen Alten-Generationen werden in viel stärkerem Maße in Arbeitsprozesse, Fort- und Ausbildung („lebenslanges Lernen“), kulturelle Angebote und eigene Aktivitäten sowie Teilhabe am Konsum eingebunden sein als Menschen gleichen Alters in früheren Generationen. Dabei werden sich Arbeit und Ausbildung hinsichtlich Häufigkeit, Regelmäßigkeit, Erwerbsorientierung oder Dauer zum Teil in neuen und noch unbekannten Zeit- und Verpflichtungsmustern darstellen, soziales Engagement wird neue Formen annehmen.

Die These von der steigenden Bedeutung des Prinzips der Gegenseitigkeit, um notwendige soziale, kulturelle, kommunikative oder betreuende Leistungen wieder verstärkt nach einem aktiven Solidarprinzip zu erbringen, setzt Leistungstransfers z.B. zwischen Altersgruppen und zwischen Personen eines unterschiedlichen gesundheitlichen Status voraus. Diese Transfers können vor allem in Städten mit ihrer Dichte und Nähe erbracht werden, erfordern aber eine entsprechende Organisation bzw. ein entsprechendes Management, um die Phasen des „Erbringens von Leistungen/Diensten“ und der „Inanspruchnahme von Leistungen und Diensten“ auszutarieren. Dieser Austausch kann bürgerschaftlich oder privatwirtschaftlich organisiert werden, den Städten obliegt aber die Aufgabe des Anstoßes, der ergänzenden Hilfen und einer gewissen Kontrolle, um Start und Funktionstüchtigkeit zu sichern.

Im Zusammenhang mit der Bereitstellung, Ausdifferenzierung und Qualifizierung der verschiedenen Dienste haben die Städte auch eher anstoßende, organisierende und partiell kontrollierende Aufgaben. Dies sind beispielsweise Dienste

  • zur Pflege und Ertüchtigung von Personen,
  • zur Haushaltsführung bzw. zur Unterstützung bei der Haushaltsführung,
  • zur Betreuung Demenzkranker,
  • zur Betreuung, Pflege, Reinigung von Wohnungen, Häusern oder privater Freiflächen,
  • zur Belieferung mit Waren oder auch
  • Transportdienste.

Die Eigenständigkeit der Teilhabe setzt voraus, dass Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge, der medizinischen Dienste, der Kultur, der Freizeit und des Sports möglichst weitgehend zu Fuß erreichbar und die Wege gefährdungs- sowie belastungsfrei sind. So sollten zum Beispiel sowohl Stadtteilzentren als auch Stadtzentren mit öffentlichen Nahverkehrssystemen über differenzierte und bedarfsorientierte Bedienungsformen erreichbar sein.

Auch die Risiken und Beeinträchtigungen älterer Menschen im Zusammenhang mit einer möglichst selbstständigen Lebensführung müssen verstärkt abgebaut werden. Dies gilt für die Gewährleistung der Verkehrssicherheit durch Geschwindigkeitsdämpfung und Bevorrechtigung der von alten Menschen bevorzugten Transportformen. Dies betrifft gleichermaßen die soziale Sicherheit in Wohnungen, Häusern, vor allem aber auf Straßen- und Platzräumen. Hier können Überwachungs- und Notrufsysteme Mängel abbauen. Mit den sich abzeichnenden globalen Klimaveränderungen bedarf es gerade für ältere Menschen einer Vermeidung von – auch kleinräumigen – Klimaextrema (Temperaturen, Luftfeuchte usw.). Eine verstärkte Beachtung und Beeinflussung des Stadtklimas muss insbesondere die Belange älterer Menschen berücksichtigen.

Gesamtbilanz: Vorteile für alle
Unsere Wohnungs-, Arbeitsplatz- und Fortbildungsangebote, unsere Versorgungszentren wie auch unsere städtischen und regionalen Verkehrssysteme sind bisher nur teilweise „altengerecht“. Aufgrund des wachsenden Anteils älterer Mitbürger mit unterschiedlichen altersmäßigen und individuellen Anforderungen benötigen wir eine Anpassung und Umgestaltung der städtischen Raumstrukturen, Straßen- und Platzräume, der angebotenen Wohnformen, der städtischen und privaten Leistungen und Dienste. Eine Umgestaltung dieser Systeme hilft im Übrigen nicht nur alten Menschen, auch das Ziel einer kindgerechten Stadt kann damit erreicht werden, was vor dem Hintergrund der „Rückkehr der Familien in die Städte“ immer wichtiger wird. Die Umgestaltung bedeutet nicht unerhebliche Aufwendungen, die aber schrittweise geleistet werden können, da die „Alterung“ unserer Gesellschaft nicht strukturbruchhaft, sondern kontinuierlich erfolgt.

Städtische Gesellschaften werden in ihrer Entwicklungsfähigkeit und in ihrem Bestand in Zukunft noch mehr als schon heute auf die aktive Teilnahme und Teilhabe älterer Menschen angewiesen sein. Chancen und Potenziale stehen deutlich im Vordergrund. Die Erfordernisse einer langfristigen Ausrichtung und Umgestaltung, die spätestens jetzt begonnen werden muss, setzen eine frühzeitige strategische Positionierung auf Altengerechtigkeit und Aktivierung des „Altenengagements“ voraus. Notwendig ist dazu eine Identifikation und Vorausschätzung der jeweiligen ortsspezifischen Gegebenheiten, um zielgenau Handlungsansätze und Strategien konzipieren zu können.

Tipps zum Weiterlesen

  • Beckmann, Klaus J., Holz-Rau, Ch., Scheiner, J., und Rindsfüser, G., „Mobilität älterer Menschen – Analysen und verkehrsplanerische Konsequenzen“. In: Strategien zur Sicherung der Mobilität älterer Menschen. W. Echterhoff (Hrsg.), Schriftenreihe der Eugen-Otto-Butz-Stiftung, Band 01, S. 43–71, 2005.
  • Beckmann, Klaus J., u.a. (Hrsg.), „Stadtleben – Wohnen, Mobilität und Lebensstil. Neue Perspektiven für Raum- und Verkehrsentwicklung“, Wiesbaden, 2006.
  • Brühl, H., Echter, C.-P., Frölich von Bodelschwingh, F., und Jekel, G. „Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance?“, Difu-Beiträge zur Stadtforschung, Band 41, Berlin, 2006.
  • DB Immobilien (Hrsg.), „Wohnwünsche 60 +, eine Studie zur Ermittlung des zukünftigen Wohnbedarfs im Ruhestand“, Frankfurt, 2006.
  • Hollbach-Grömig, B., Sander, R., und Zahn, A., Regionale und kommunale Strategien zur Aktivierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Potenziale einer alternden Gesellschaft, BBR-Online-Publikation, Nr. 9/2006, Bonn, 2006. www.bbr.bund.de/cln_007/nn_23582/DE/Veroeffentlichungen/BBR-Online/2002-2006/ON092006.html
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