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Difu-Berichte 2/2008 - Standpunkt: Klimaschutz - eine neue Leitlinie der Stadtentwicklungspolitik?

Prof. Dr.-Ing. Klaus J. BeckmannDas Thema des globalen Klimaschutzes und der Bewältigung potenzieller Folgen eines globalen Klimawandels hat zu Recht „Konjunktur“. Solche Themen laufen jedoch Gefahr, dass die Fokussierung zu einseitig erfolgt, Lösungswege aktionistisch konzipiert, weniger abgewogen und integriert umgesetzt, potenzielle Nebenwirkungen nur unzureichend bedacht werden.

Auch auf kommunaler Ebene ist Klimaschutz mit hohem Handlungsdruck, mit Handlungsunsicherheiten und vor allem mit großer Komplexität verbunden. Das Erfordernis einer integrierenden Behandlung wird deutlich, wenn potenzielle Handlungsmöglichkeiten aufgelistet werden: Energieeinsparung, Energieerzeugungsart, Bauformen, Raum- und Siedlungsstrukturen und daraus resultierende Mobilitäts- und Transporterfordernisse.

Die Klimaveränderung erscheint kaum umkehrbar. Eine kontinuierliche Verstärkung ist zu erwarten. Die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2°C bis 2010 ist ein anspruchsvolles Ziel und kann nur durch ambitionierte Klimaschutzstrategien erreicht werden. Auf europäischer Ebene wird eine Steigerung der Energieeffizienz um 20 Prozent bei Steigerung des Anteils regenerativer Energien auf 20 Prozent angestrebt. Die deutschen Ziele liegen darüber.

Die häufig verkürzt als „Klimaschutz“ betitelte Problemlage hat allerdings zwei Gesichter:

  • Klimaschutz als Begrenzung von Klimaveränderungen durch Einflussnahme auf den Energieverbrauch und den Einsatz von Energieformen (z. B. Ersatz fossiler Energieträger durch regenerative Energien; „Vermeidungsstrategien“/„ Mitigation“),
  • Bewältigung potenzieller Klimafolgen und der lokalen/regionalen Ausprägungen („Anpassungsstrategien“/„ Adaption“) hinsichtlich der Zunahme von Extremwetterereignissen (Starkniederschläge, Hitze/Trockenheit, Windgeschwindigkeiten/Stürme…).

Der Klimaschutz im Sinne der Begrenzung klimarelevanter Emissionen hat zwar auch lokale Implikationen, aber vor allem globale Ausprägungen. Eine Akzeptanz entsprechender Maßnahmen, damit verbundener Nutzungseinschränkungen oder Kostenbelastungen ist daher wegen begrenzter Einsicht nur schwer herzustellen. Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten sind dennoch schrittweise und konsequent umzusetzen, um den Energieverbrauch von Industrie, Gebäuden und des Verkehrs zu reduzieren oder einen Einsatz von regenerativen bzw. CO 2 -reduzierten Energieträgern zu fördern. Handlungsbereitschaft kann durch Angebote effizienter technischer Lösungen, durch ökonomische Anreize (z.B. Energiepreise, Vergabe von CO 2 -Emissionszertifikaten und durch Information/Beratung beeinflusst werden.

Das Erfordernis der Bewältigung von Klimafolgen im lokalen Maßstab („Anpassung“) ist wegen der potenziellen individuellen Betroffenheit von „Leib und Leben“ oder von – auch privatem – Sachvermögen mit einer größeren Handlungsbereitschaft verbunden. Dieses Erfordernis ist auch gekennzeichnet durch geringere Kenntnisse oder eine begrenzte handlungsleitende Wahrnehmung der lokalen Ausprägungen der Klimafolgen und der geeigneten Maßnahmen und Handlungskonzepte. Ebenso fehlen bisher exakte Kenntnisse über Kosten von Vermeidungs- und vor allem von Anpassungsstrategien, die auf die einzelnen Kommunen direkt übertragbar wären. Ein „Strategiemix“ aus Vermeidungs- und Anpassungsstrategien erscheint zielführend und unverzichtbar.

Die Rolle der Städte im Klimaschutz
Nicht nur hinsichtlich der Reduktion klimarelevanter Emissionen auf der einen und der Bewältigung von potenziellen Klimafolgen auf der anderen Seite ist die Rolle der Städte „janusköpfig“, auch hinsichtlich der siedlungsstrukturellen Spezifika. Dichte und Massierung von Funktionen und Bebauung auf der einen Seite bedeuten einen geringeren spezifischen Energieverbrauch. Ihre Reduktion legt daher eine Förderung städtischer Siedlungs- und Nutzungsformen nahe. Hierzu stellen Städte bzw. Siedlungen der „kurzen Wege“ eine wirksame Grundstruktur dar – beispielsweise auch durch Wiedernutzung von Brachflächen, allerdings unter abgewogener Beachtung stadtklimatischer Anforderungen (Kaltluftentstehung, Rückhaltung von Niederschlägen, Durchlüftung).

Auf der anderen Seite können (verdichtete) Städte eine besondere Betroffenheit durch Klimafolgen und deren Folgewirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen, Sachvermögen sowie Betriebsfähigkeit von Infrastrukturnetzen aufweisen. Erhöhungen mittlerer Tagestemperaturen oder häufige Hitzewellen stellen erhebliche gesundheitliche Belastungen für Menschen sogar mit potenzieller Todesfolge dar. Die nächtliche Wärmespeicherung durch Baumassen beeinträchtigt notwendige physische und in der Folge auch psychische Entlastungszustände. Infrastrukturnetze – insbesondere der Entsorgung – werden bei Starkregenereignissen überlastet, Rückhalte- und Staumöglichkeiten unter- und oberirdischer Art fehlen ebenso wie natürliche Retentionsräume. Die Verletzlichkeit von Netzinfrastrukturen der Entwässerung, aber auch der Versorgung und des Verkehrs wird zu einer Achillesferse der Funktionsfähigkeit von Städten: Folgen von Überschwemmungen, von ungewohnten Schneeniederschlägen etc. können Städte lahm legen. Für Städte bedeutet dies ein besonderes Erfordernis,

  • anhand von Maßnahmen zur Begrenzung potenzieller Folgewirkungen des Klimawandels durch Reduktion klimarelevanter Emissionen beizutragen,
  • potenzielle Folgewirkungen eines Klimawandels in der Stadt/Region nach Wahrscheinlichkeit und Auswirkungen einzustufen und daraus Dringlichkeiten für Bewältigungsmaßnahmen abzuleiten,
  • Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung von Folgewirkungen bei Stadtentwicklung und Stadtumbau zu konzipieren, umzusetzen oder zumindest als Option zu erhalten.

Die Rolle der Kommunen ist also zentral, deren Ausfüllung allerdings bisher noch nicht hinreichend. Hierzu bedarf es vielmehr:

  • global der Vereinbarung von Reduktionszielen der Emissionen, der Instrumentalisierung von Zertifikats- und Handelssystemen für Emissionen,
  • auf europäischer und nationaler Ebene klarer, verlässlicher und kalkulierbarer rechtlicher und technischer Vorgaben,
  • auf europäischer und nationaler Ebene entsprechender Anstrengungen der Forschung und Entwicklung sowie finanzieller Anreize und Förderstrategien.

Die Aufgabenbewältigung durch die Kommunen kann in den Anforderungen aus „Vermeidungs-“ und „Anpassungsstrategien“ durchaus widersprüchlich sein. So trägt hohe bauliche Dichte zwar zur Vermeidung bzw. Reduktion von klimarelevanten Emissionen bei, bedeutet aber durch die Massierung von Menschen, Bebauung und Sachvermögen gleichzeitig hohe Schadensfolgen durch extreme Witterungsereignisse und weist geringere „Anpassungs“-Potenziale auf. Hingegen könnte eine Schaffung von Grünzonen als Kaltluftinseln, Speicher-/Rückhaltemöglichkeiten für Niederschläge dienen. „Anpassungslösungen“ sind jedoch technisch oft aufwendig und kostspielig sowie meist kaum kurz- oder mittelfristig umzusetzen.

Handlungsprinzipien
Kommunaler Klimaschutz und kommunale Bewältigung von Klimafolgen setzt voraus, dass durchaus bewährte Handlungsprinzipien einen konsequenteren und abgewogenen Einsatz erfahren:

  • vorausschauende Betrachtung über kurz-, mittel- und langfristige Zeithorizonte,
  • vorbeugende Handlungsansätze,
  • integrierte Handlungskonzepte für Siedlung, Hochbau, Verkehr, Energieerzeugung, Freiräume
  • unter Beachtung von Maßnahmen in Bau, Betrieb/Management, aber auch Organisation, ökonomischen Anreizen sowie Information und Beratung,
  • möglichst Einbindung in regionale Konzepte der Siedlung, des Verkehrs, der Ver- und Entsorgung, aber auch der Bewältigung von Klimafolgen,
  • abgestimmte und kooperative Prozesse,
  • Gewährleistung von Systemredundanzen und Reduktion von Verletzlichkeiten der Siedlungs-, Versorgungs-, Entsorgungs- und Verkehrssysteme,
  • Sicherung von Anpassungsfähigkeit und Kompensationsfähigkeiten.

Dies muss mit Hilfe von bilanzierenden Wirkungs- und Verträglichkeitsanalysen geprüft und vorbereitet werden. Qualifizierte Betrachtungen bzw. Lösungen müssen integriert und querschnittsorientiert zusammengeführt werden. Sektorale, räumlich horizontale und vertikale Integration der Handlungsansätze ist ebenso notwendiges Grundprinzip wie eine Integration von Vermeidung und Anpassung.

Es ergeben sich unmittelbar Folgen auf strategische, konzeptionelle und operative Planungen, die Prüfung der „Klimaverträglichkeit“ – sowohl als Klimaschutz als auch als Bewältigung von Folgen der Klimaveränderung – zu Grunde legen müssen. Ein Management der Folgen von Extremwetterereignissen erscheint langfristig erforderlich.

Fazit
Das Thema Klimaschutz und Bewältigung von Klimafolgen wird die Aufgaben der Stadtentwicklung künftig zunehmend bestimmen. Auch wenn Handlungsbedarf zur Begrenzung der Zunahme von Klimaveränderungen und zur Vorbereitung von Strategien, Handlungskonzepten und Maßnahmen zur Bewältigung von Klimafolgen dringlich ist: aktionistische Vorgehensweisen sind weder zielführend noch frei von unerwünschten Nebenwirkungen. Zur Vermeidung sind Handlungsprinzipien zu verfolgen, die charakteristisch sind für eine nachhaltige Stadt-, Verkehrs- und Infrastrukturentwicklung. Handlungsmöglichkeiten sind gegeben und bekannt, aber dennoch verbesserungsbedürftig und abgestimmt auszuschöpfen.

Notwendige Voraussetzung für eine Wirksamkeit ist auch die Bewusstseinsförderung und Akzeptanz in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft. Daher sind geeignete Prozess-, Arbeits- und Prüfstrukturen einzusetzen.

Der Einsatz von Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen hat vor allem räumliche Auswirkungen, also auf Raumordnung, Siedlungsstrukturen und Städtebau wie auch auf technische Infrastruktursysteme. Räumliche Planung hat dabei die Aufgabe der Abwägung und eine zentrale Steuerungs- und Koordinierungsfunktion. Dabei bedarf es eines Einsatzes formeller und informeller Instrumente (Stadtentwicklung, Stadt(nutzungs)management, Bau und Betrieb/Management von Infrastrukturnetzen und -anlagen).

Klimawandel kann auch Entwicklungschancen eröffnen. Aufgaben sind nicht defensiv, sondern offensiv anzugehen.Vor allem geht es darum, neue planerische Strategien zu entwickeln, vorhandene zu stärken, die städtischen Siedlungs- und Infrastruktursysteme weniger verletzlich machen und bei Extremwetterereignissen ausreichende Redundanzen aufzuweisen und damit die Funktionstüchtigkeit sichern. Dies setzt voraus, dass die Anpassungsfähigkeit städtischer Systeme an die veränderten Anforderungen vermehrt gefördert wird. Damit ergibt sich eine schrittweise Möglichkeit zur Verbesserung der „Klimabeständigkeit“ der Städte – auch wenn es ein Handeln mit Unsicherheit bedeutet.

Tipps zum Weiterlesen

  • IPCC Intergovernmental Panel on Climate Change (2007): Climate Change 2007 – The Physical-Science Basis. Contribution of Working Group 1 to the Fourth Assessment Report of Intergovernmental Panel on Climate Change. 10th Session of WG I of the IPCC.
  • Stern, Nicolas (2007): The economics of climate change: The Stern review, Cambridge Chronicles.
  • Europäische Kommission (2008): City Instruments. Monitoring, Evaluating and Transfering Instruments to address Climate Change in Metropolitan Regions. http://www.city-instruments.eu.
  • Kemfert, Claudia (2007): Klimawandel kostet die deutsche Volkswirtschaft Milliarden: DIW-Wochenbericht 11/2007, Berlin.
  • Deutscher Städtetag (2007): Positionspapier – Klimaschutz in den Städten, Köln.
Weitere Informationen: 

Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann
Telefon: 030/39001-214
E-Mail: beckmann@difu.de

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