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Difu-Berichte 3/2013 - Stadtforschung hilft bei der Lösung unserer Zukunftsaufgaben

Interview mit dem Präsidenten des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg Dr. Ulrich Maly

Im Gespräch: Dr. Ulrich Maly, Präsident des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg und Univ.-Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann, Institutsdirektor und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik

Welches sind aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen für die Städte bis 2030?

Foto von Dr. Ulrich MalyHier ist zwischen der Zielebene und der praktischen Ebene zu unterscheiden: Auf der Zielebene würde ich sehr schlicht antworten. Die zentrale Herausforderung ist, als Akteur ein Bild von der Entwicklung der eigenen Stadt zu haben. Wenn ich Zukunftsvisionen und Szenarien nicht beschreiben und Menschen nahebringen kann, kann ich niemanden dafür gewinnen, den Weg mitzugehen. Politik besteht stets aus Zumutungen und Verheißungen – und meist ist die Zahl der Zumutungen in den dicht bebauten Großstädten größer als die der Verheißungen. Die Menschen sind jedoch bereit, Zumutungen hinzunehmen, wenn sie wissen, wofür bzw. welchem großen Ganzen das folgt. Es geht also darum, eine Gemeinwohldefinition für die jeweilige Stadt vorzunehmen. Dies sind durchaus unterschiedliche Definitionen, in Hamburg anders als in Berchtesgaden –, jede Stadt muss Ziele für sich selbst definieren.

Auf der praktischen Ebene bestehen Herausforderungen in mehreren Bereichen: bei sozialen und Integrationsfragen, der Bildungsgerechtigkeit, aber auch bei Fragen der Altersinfrastruktur und Stadtentwicklung im physischen Sinn. Wir werden in den nächsten zwei Jahrzehnten fast jeden Stein anfassen müssen, der nach dem Krieg aufgebaut wurde. Vor uns steht also der zweite Umbau Deutschlands. Der Wiederaufbau der 50er- Jahre ist in die Jahre gekommen. Obwohl sehr schöne architektonische Objekte dabei sind, bedarf Vieles unserer Zuwendung.

Die Organisation des Verkehrs und der Mobilität sind weitere Herausforderungen ebenso wie die ökonomische, kulturelle und soziale Einbindung der städtischen Aktivitäten in größere regionale Zusammenhänge. Wer es verschläft, sich in strategische Allianzen zu begeben, der wird allein im weltweiten Wettbewerb der Städte nicht bestehen können. Hier sind wir gut beraten, uns in – je nach Aufgabenstellung auch unterschiedliche – strategische Allianzen zu begeben. Zudem müssen wir das Geld zusammenhalten und darauf achten, dass die dauerhafte Finanzierung der Städte stimmt, sonst sind alle Gestaltungspotenziale müßig. Last, but not least nenne ich das Sonderthema "Kultur". Kultur, Politik wie auch Freizeitkultur liefern Identifikation und Heimatgefühl. Das ist vielleicht das, was uns von den ganz großen Weltmetropolen unterscheidet, dass wir uns als Städte nicht als Bedürfnisbefriedigungsmaschinen sehen, sondern, fast schon philosophisch gesprochen, einen Anspruch haben, Heimat bereitzustellen.

Sie haben Demografie angesprochen, nicht aber Energiewende, Klimaschutz, Klimaanpassung. Sind diese Themenfelder unabdingbar zu berücksichtigen und nicht mehr zu diskutieren?

Genau! Wir haben, ohne es Energiewende zu nennen, den Kohlestaub, der z.B. in Nürnberg den Sandstein weggefressen hat, aus den Städten verbannt. Wir haben, ohne es Verkehrswende zu nennen, mit Katalysatoren in Autos die Schwefelsäurebelastung vermeiden können. Wir werden auch die Kernenergie und den Rest des CO2 wegbekommen. Dies wird aber die innere Aufstellung einer Stadt nur bedingt verändern. Strom kommt weiter aus der Steckdose, die Hausmauer ist weiter die Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre, diese Themen sind daher für mich tatsächlich business as usual und weniger große Megatrends.

Sie haben erwähnt, dass es auch um Geld geht. Wie sehen Sie darüber hinaus die Aufstellung der Städte?

Bei der Frage, ob wir gut aufgestellt sind, würde ich in der Tat nicht mit dem Geld beginnen. Man braucht zunächst die Idee, die Utopie, ein Bild. Der Rest wird dann daran entlang entwickelt. Gerade in der Stadtentwicklung braucht man die Fähigkeit, Ressortgrenzen und städtische Grenzen zu überwinden. Ressortgrenzen zu überwinden, heißt integrierte Stadtentwicklung. Stadtverwaltungsgrenzen überwinden heißt, intensive Kooperationen mit privaten Akteuren, Bürgerschaft, NGOs, aber auch mit privaten Akteuren. Erst danach käme für mich das Geld. Das sind die drei Voraussetzungen, wenn sie nicht stimmen, werden wir wenig voranbringen.

Wie steht es um die Arbeitskultur in den Städten, also auch die Zusammenarbeitskultur zwischen verschiedenen Akteuren in Politik und Verwaltung?

Ressortübergreifende Organisation heißt, dass nicht die Sozial-, Wirtschafts- und Umweltleute vor sich hin planen, sondern dass man integrierte Stadtentwicklung als das nimmt, was sie ist – das Zusammenwirken aller. Kooperation über Verwaltungsgrenzen hinweg erfordert auch eine gute Kommunikationsfähigkeit und Vermittlung nach außen zur Erreichung der gewünschten Ziele.

Mit Blick auf diese anspruchsvollen Aufgaben – gerade wenn man bei Utopien ansetzt und das bis ins operative Alltagsgeschäft betreibt – sehen Sie sich durch die Stadtforschung ausreichend unterstützt?

Ja, eigentlich schon! Wieder am Beispiel meiner Stadt: Wir sind als Nürnberger einerseits Objekt von Forschung gewesen, was die integrierte Stadtentwicklungspolitik anbelangt, andererseits aber auch immer Ausbeuter von Forschungserkenntnissen. Wir schauen, dass wir das Rad nicht selbst neu erfinden müssen, sondern, wo andere schon ein schönes rundes erfunden haben, dies möglichst auch transferieren. Ich glaube, dass die Entwicklung von Utopien, das Beschreiben des Bildes der Stadt nur dann funktioniert, wenn ich mich zwischendurch wie Münchhausen am eigenen Schopf aus der Alltagsarbeit herausziehe und in der Lage bin, über den einen oder anderen klugen wissenschaftlichen Aufsatz den eigenen Ideengenerator wieder aufzuladen. Das ist für mich ganz persönlich der Reiz von Stadtforschung des Difu wie auch anderer, so dass ich mich manchmal richtig daran freuen kann, solche Aufsätze zu lesen, auch wenn sie gar keinen unmittelbaren Nutzwert für das Tagesgeschäft haben. Sie laden trotzdem den Akku des eigenen Ideengenerators. Hierbei ist die Stadtforschung unerlässlich und unersetzlich für uns.

Ist für Sie der durch Forschung unterstützte Erfahrungsaustausch ein wichtiger Aspekt?

Natürlich, wenn man beispielsweise das Modellprojekt koopstadt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik nimmt, das Bremen, Leipzig und Nürnberg gemeinsam entwickelt haben, dann sagen mir meine Verwaltungsakteure – und was fast noch wichtiger ist, auch meine Stadträte, dass sie selten so viel gelernt haben wie in diesem Modellprojekt: Mit dem Blick über den eigenen Tellerrand, über den eigenen Gartenzaun, im Austausch mit anderen Praktikern, aber vor allem auch mit Wissenschaft. Ich glaube, das ist unerlässlich.

Das stellt neue Anforderungen an alle Akteure in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft. Müssen nicht alle über ihr Rollenverständnis sehr offen reflektieren?

Ja, das tun die meisten. Ich glaube aber, dass über die Reflektion des Rollenverständnisses weniger Veränderung erreicht wird als über die gute alte Erkenntnis, dass das Sein das Bewusstsein verändert. Ich plane als Stadtverwaltung nicht am grünen Tisch, wenn ich für die Wirklichkeit plane. Ich bin zur Interaktion verdammt und damit werden sich Rollenverständnisse der Vergangenheit ändern. Durch die Interdisziplinarität sowie Diversity zwischen Sozialwissenschaftlern, Stadtplanern, Ökologen und Ökonomen entwickeln sich auch andere Diskurskulturen in diesen Prozessen. Mit der klassischen Eingriffsverwaltung gewinnt man heute keinen Blumentopf mehr.

Führen wir auf allen Ebenen ausreichend gesamtgesellschaftlich und -politisch fundierte Diskussionen über die Rolle der Städte?

Es wird intensiv diskutiert, aber oft zu sektoral. Wie intensiv eine stadtpolitische Gesamtdiskussion, wie sie in den 70ern geführt wurde, in den letzten Jahren stattfand, kann ich nicht ausreichend beurteilen. Ich könnte mir den Diskurs aber durchaus intensiver vorstellen. Die soziokulturelle Dimension der Stadt in ihrer Gesamtheit muss stärker im Fokus stehen – ebenso ihr Wirken: Ich bleibe beim "verstaubten" Heimatgefühl der Menschen und der Frage, ob eine Stadt nicht infrastrukturell ausgestattet, sondern auch sozial strukturiert sein muss, damit sie integrativ und nicht segregativ ist. Das sind die Dinge zwischen gebauter und sozialer Umwelt, die man Disziplinen übergreifender diskutieren muss.

Wobei Sie mit dem Bezug auf die 70er- Jahre das Prozesshafte, was dahintersteckt, und das Integrierte meinen, was ja damals durchaus intensiv praktiziert wurde?

Ja, im Kern vielleicht auch ein Stück unverbrauchtes Selbstbewusstsein nach dem Motto: Gesellschaftliche Entwicklungen, die wir kennen, die guten wie die schlechten, sind letztlich Produkte der Städte. Das Bewusstsein, dass diese Republik durch ihre Urbanität lebt, das ist ein bisschen verlorengegangen.

Wenn Sie als Nürnberger Oberbürgermeister von Visionen, Ideen und dem Bild der Zukunft der Stadt sprechen, kann man das gemeinsam mit den Medien vor Ort tun, ohne die Kritikrolle der Medien zu begrenzen?

Man kann es sicherlich bis zu einem gewissen Punkt. Dabei gehört es meines Erachtens mit zum Führungsanspruch der Politik, Vorschläge zu formulieren. Ich würde nicht fragen, wo es langgehen soll, sondern formulieren, wo es aus meiner Sicht langgehen soll – durchaus auch abstrakt –, und dies dann zur Diskussion stellen. Man hält Grundsatzreden, in denen Begriffe auftauchen, die sich penetrieren und perpetuieren – darüber wird diskutiert in der Stadtgesellschaft. Der Führungsanspruch, im positiven Sinne formuliert, der Kommunalpolitik gilt auch hier.

Eine wichtige Aufgabe für die Kommunen ist auch die eigene Fortbildung. Welche Erfordernisse sehen Sie da?

Ich glaube, was den interkommunalen Austausch anbelangt, hat es sich deutlich intensiviert. Das ist immer noch die beste Art, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Ich verlasse meinen Arbeitszusammenhang, besuche ein Seminar und komme zurück. Dort gibt es intensive Diskussionen. Darüber hinaus praktizieren wir in Nürnberg auch Inhouse-Schulungen, weil ganze Abteilungen betroffen sind und es nicht um die Wissbegierde Einzelner geht. Bei der Fortbildung ist immer Luft nach oben, da wir sie weder von den Ressourcen noch von der Aufmerksamkeit her ständig mit dem notwendigen Druck betreiben können. Dies gilt aber wahrscheinlich pauschal für nahezu alle Städte in Deutschland.

In vielen Diskussionen über Stadtentwicklung, zum Beispiel beim Thema Smartcitys, werden deutsche Erfahrungen als potenzielles Exportgut genannt, für Europa bis hin zu den Megapolen. Wie sehen Sie das?

Da wäre ich sehr vorsichtig. Von Erfahrungen aus einem Land, wo die größte Stadt dreieinhalb Millionen Einwohner hat, würde ich nicht den Anspruch ableiten, Istanbul oder Mumbai regieren zu können. Natürlich haben wir mit unserer kommunalen Selbstverwaltung eine große Freiheit, die in Europa ihresgleichen sucht. Das gibt es in vielen Ländern nicht und es ist ein Modell, um das uns viele beneiden. Aber die Tatsache, dass ich eine Halbmillionenstadt regieren kann, führt nicht dazu, dass ich behaupten würde, São Paulo, Mexiko City oder Istanbul regieren zu können. Da stehen elementare Bedürfnisbefriedigung und das Aufrechterhalten von Infrastruktur (leider oft) deutlich vor sozialen Aspekten. Aber ich denke, wir können selbstbewusst sein aufgrund der Geschichte der kommunalen Selbstverwaltung in Deutschland. Es ist eine Selbstständigkeit, die die Tradition der europäischen Stadt am allermeisten widerspiegelt. In anderen Ländern Europas ist hier wesentlich weniger an Kompetenz vorhanden. Dass aber am deutschen Wesen die Welt genesen soll, würde ich daraus natürlich keinesfalls ableiten wollen.

Denken wir bei der Diskussion über die Rolle der Städte in Deutschland zu oft an Großstädte und vernachlässigen die Potenziale und Belange der Mittel- und Kleinstädte?

Ich glaube nicht. Mein Anspruch als Präsident des Deutschen Städtetages ist es, nicht nur für die zehn größten Städte da zu sein, sondern für die 300 bis 400 großen Städte in Deutschland. Das, was sich an stadtentwicklungspolitischen Fragen heute in einer durchschnittlichen Großstadt wie Nürnberg mit 500.000 Einwohnern stellt, stellt sich auch in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern. Da sind die Probleme sehr ähnlich und der Anspruch des Deutschen Städtetages ist auch meiner, dass wir natürlich auch kleinere Städte vertreten, deren Problemlagen ja vergleichbar sind.

Wann sind Sie persönlich und erstmalig mit dem Difu in Kontakt gekommen?

Als Fraktionsgeschäftsführer der SPD, ich habe damals die Difu-Berichte abonniert. Das war 1996. Ich habe selbst über Wirtschaft und Umwelt in der Stadtentwicklungspolitik promoviert, ein eher kommunales Thema. Die Investitionsbedarfshochrechnungen habe ich immer gründlich studiert und dann sehr gezielt aus den wissenschaftlichen Arbeiten des Difu auch Publikationen bestellt. Ich habe das stets intensiv genutzt.

Gibt es Themen, von denen Sie sagen würden, hier möchte ich gern in der Rolle des Nürnberger Oberbürgermeisters, aber auch des Städtetagspräsidenten in der nächsten Zeit mehr wissen oder Gespräche mit den Kollegen des Difu führen?

Das Difu hat ja sein Ohr am Puls der Zeit, an Themen wie Laboratorien zur Weiterentwicklung der Demokratie und der kommunalen Selbstverwaltung, die jetzt ganz aktuell sind und überall diskutiert werden. Sicherlich sind auch die möglicherweise gravierenden Veränderungen durch die Energiewende sozial differenziert zu betrachten – auch mit Blick auf die Gerechtigkeitsfrage. Dies sind jedoch Fragestellungen, die in der Gedankenwelt des Difu sowieso behandelt werden. Ich sehe da keine Defizite.

Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch!

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