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Difu-Berichte 3/2009 - Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt

Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt

In den vergangenen Jahren ist eine lebhafte öffentliche Diskussion über die Wiederkehr der Wohnfunktion in  die Innenstädte in Gang gekommen. Vielerorts erfreut sich die Innenstadt zunehmender Beliebtheit als Wohnstandort. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und Anforderungen einer zunehmend älteren Bevölkerung an die Stadt als Wohnort, werden inzwischen auch zentrale Lagen als Wohnstandort für Nachfragegruppen diskutiert und entwickelt, die noch vor Kurzem aufgrund des fehlenden Angebots an den Stadtrand oder ins Umland abgewandert sind. Dies ist auch im Hinblick auf die steigenden Erschließungs- und Wohnfolgekosten eines peripheren Wohnstandorts wichtig. Auch wenn eine entsprechende Entwicklung bisher nicht flächendeckend in der gesamten Bundesrepublik Deutschland beobachtet werden kann, ist die Bedeutung dieses Aspekts der Innenstadtentwicklung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

In einer aktuellen Untersuchung mit dem Titel „Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt“ widmet sich das Deutsche Institut für Urbanistik erneut diesem Thema. Diese knüpft an die Ergebnisse eines  Forschungsprojekts zum Wohnen in der Innenstadt an, das das Difu in den Jahren 2004 und 2005 durchgeführt und unter dem Titel „Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance?“ veröffentlicht hat. Im Rahmen dieser Studie wurde das Thema anhand zweier Fallstudien untersucht: zum einen das innerstädtische Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel in München, zum anderen der innenstadtnahe Stadtteil Schleußig in Leipzig. In beiden Städten wurde die Bevölkerung des Stadtteils schriftlich befragt und lokale Akteure und Experten aus Stadtverwaltung und –politik sowie der Wohnungswirtschaft interviewt.

Fallstudie in sieben Städten
Die zentrale These der Renaissance des Wohnens in der Innenstadt stand auch im Mittelpunkt der  Folgeuntersuchung. Mit dieser sollte zunächst ein Beitrag zur Ausweitung der Datenbasis geleistet werden, indem anhand von sieben Fallstudienstädten unterschiedlicher Bevölkerungszahl und Flächenausdehnung, unterschiedlicher regionaler Lage und Bedeutung als Wirtschaftsstandort sowie unterschiedlicher Wirtschaftskraft und Arbeitsplatzentwicklung der Frage nachgegangen wurde, ob jeweils und in welcher Weise ein positiver Bedeutungswandel des Wohnens in der Innenstadt stattfindet. Die Fallstudienstädte waren Braunschweig, Dresden, Frankfurt am Main, Kassel, Köln, Schwäbisch Gmünd und Wetzlar.

Hierfür wurden zum einen Daten und Materialien der Städte zur Einwohner- und Haushaltsentwicklung, zum Arbeitsmarkt und der wirtschaftlichen Situation, zur Infrastrukturausstattung, zum Wohnungsmarkt und der Stadtentwicklung sowie zu Umweltbelastungen ausgewertet. Den anderen wesentlichen Baustein der Fallstudienuntersuchung bildeten Expertengespräche. In jeder Stadt wurden leitfadengestützte Experteninterviews mit Vertretern von Kommunalverwaltungen und Kommunalpolitik, Wohnungsunternehmen und Wohnungsgenossenschaften, Mieter- und Eigentümervereinen sowie mit Maklern, Bauträgern, Investoren und lokalen Akteuren, wie beispielsweise Vertretern von Bürgervereinen, geführt.

Wohnen in der Innenstadt als Vision unumstritten
Auch wenn es nicht durchgehend gelingt, die Ausgangsthese valide mit harten quantitativen Indikatoren zu belegen, so wurde im Zuge der Untersuchung doch klar erkennbar, dass es die Renaissance des Wohnens in der Innenstadt zumindest als Vision oder, besser gesagt, als positiv besetztes Leitbild für die Entwicklung der Innenstädte gibt. Denn die Vorteile des innerstädtischen Wohnens sind unumstritten, sie liegen in kurzen Wegen, sozialen Netzen und dichten Infrastrukturangeboten. Diese positive Einschätzung teilen uneingeschränkt sowohl Vertreter der Kommunalverwaltungen als auch der Immobilienwirtschaft sowie sonstige interviewte Akteure.

Wohnungspolitik ist eine kommunalpolitische Leitfunktion
Mit dem wachsenden Interesse für das Wohnen in der Innenstadt als funktional und symbolisch bedeutsamstem Bereich der Stadt sind auch eine Neuausrichtung kommunaler Wohnungspolitik und  Auswirkungen auf Kernbereiche kommunalpolitischen Handelns zu beobachten, die bisher nicht mit dem Wohnen in Verbindung gebracht wurden. Neben die Sicherung sozialer und räumlicher Integration und Gleichheit durch die soziale Wohnraumversorgung treten im Zusammenhang mit der Sicherung kommunaler Handlungsautonomie zunehmend wirtschafts- und fiskalpolitische Überlegungen sowie Aspekte von Identitätspolitik und kulturellem Selbstverständnis, die auf kommunaler Ebene maßgeblich über städtebauliche und stadtentwicklungspolitische Prozesse gesteuert werden. Damit hat sich Wohnungspolitik von einem Teilaspekt der kommunalen Daseinsvorsorge zu einer zentralen kommunalpolitischen Leitaufgabe entwickelt.

Besondere Bedeutung von Familien

Mit dieser neuen Rolle des innerstädtischen Wohnens ist endgültig eine Abkehr von der räumlich-funktional differenzierten Stadt vollzogen worden. Das Wohnen wird inzwischen als wichtiges Element einer urbanen und damit attraktiven Innenstadt angesehen. In diesem Zusammenhang geraten auch Bevölkerungsgruppen in das Blickfeld kommunalen Handelns, die bislang nicht im Fokus der Wohnungspolitik standen. Insgesamt ist eine stärkere Zielgruppenorientierung und räumliche Fokussierung zu beobachten. Beispiele hierfür sind die Förderprogramme für generationenübergreifende Wohnprojekte in Köln, die Entwicklung eines  innerstädtischen Konversionprojekts überwiegend mit Baugemeinschaften in Braunschweig oder ein kommunales Wohnraumförderprogramm für das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main.

Von besonderer Bedeutung für die Bevölkerungsentwicklung der Innenstädte sind Familien. Sie haben maßgeblichen Einfluss auf die Einwohnerentwicklung und Altersstruktur einer Stadt, denn ihr Wegzug fällt wegen der Haushaltsgröße besonders ins Gewicht. Sie zählen häufig zu den aktiven (im Sinne von berufstätigen und bürgerschaftlich engagierten) Bevölkerungsgruppen. Und sie agieren als Bevölkerungsgruppe mit hoher Standortpersistenz sozial stabilisierend: Familien wollen ganz überwiegend im Quartier bleiben, wenn sie nach einer neuen Wohnung suchen. Städte müssen alles tun, um ihnen dies zu ermöglichen.

Handlungsbedarf beim Wohnungsangebot
Dass sich das wachsende Interesse am Wohnen in der Innenstadt erst sehr zögerlich in statistischen Werten niederschlägt, hängt entscheidend mit der Entwicklung des Wohnungsangebots in den Innenstädten zusammen, das vielerorts von einer einseitigen Angebotsstruktur und vor allem von einem Mangel an großen Wohnungen gekennzeichnet ist. Analog zu einer Differenzierung der Wohnwünsche und Anforderungen an  das Wohnen, wie sie im Zuge des demographischen Wandels, aber auch durch den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft zu beobachten und für die Zukunft noch verstärkt zu erwarten ist, ist in den Städten  eine Diversifizierung des Wohnungsangebots erforderlich. Eine wichtige Rolle kommt dabei auch den neuen Wohnformen als Ergänzung zu den bestehenden Wohnungsmarktangeboten zu.

Neben den fehlenden Wohnungsangeboten gibt es eine Reihe von weiteren Hemmnissen und Konfliktpotenzialen, angesichts derer nicht von einer Entwicklung des Innenstadtwohnens als Selbstläufer auszugehen ist. Die in der Studie beschriebenen Entwicklungen deuten auf die Notwendigkeit einer Ausweitung der Wohnungspolitik in den meisten Städten hin: Die Entwicklung des Wohnens in der Innenstadt muss als strategische Querschnittsaufgabe gesehen werden, in die Aspekte der Stadtplanung, der Verkehrspolitik, der Identitätspolitik und natürlich auch weiterhin der kommunalen Sozialpolitik (als  Kernaufgabe im klassischen Verständnis städtischer Wohnungspolitik) einfließen. Es hängt in vielen Bereichen davon ab, inwieweit Chancen, die sich aus Trends und Entwicklungen ergeben, durch stadtpolitische Weichenstellungen und Maßnahmen in diesen Politikfeldern seitens der Kommunen ergriffen werden.

Die neue Difu-Studie „Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt“ erscheint in Kürze in der Edition Difu.

Weitere Informationen: 

Dipl.-Geogr. Gregor Jekel
Telefon: 030/39001-190
E-Mail: jekel@difu.de