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Difu-Berichte 3/2002 - Standpunkt: Keine Zeit für die Zeit

Prof. Dr. Dietrich Henckel

Nach einer neuen Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach hat der Anteil derer, die sich gestresst fühlen, und derer, die den Eindruck haben, die Zeit verginge schnell, gegenüber 1993 leicht abgenommen. Trotzdem kann kein Zweifel bestehen, dass unsere Zeiten schnelllebig sind und sich in vielerlei Hinsicht ändern.

Nur einige Anhaltspunkte:

  • Mit steigender Lebenserwartung dehnt sich die Lebenszeit aus, wobei die durch Arbeit und Ausbildung geprägten Anteile der Lebenszeit abnehmen.
  • Die Arbeitszeiten befinden sich seit längerem in einem tief greifenden Wandel. Auch wenn man die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses für eine Überzeichnung hält, so ist unbestritten, dass vor allem Arbeitsverhältnisse, die nicht durch Dauerhaftigkeit und Stabilität gekennzeichnet sind, zugenommen haben. Gleichzeitig finden die Ausdehnung von Betriebs- und Arbeitszeiten sowie die Flexibilisierung von Arbeitszeiten eine immer weitere Verbreitung.
  • Zeitkonflikte nehmen in vielerlei Hinsicht zu. Angebotszeiten von öffentlichen und privaten Dienstleistungen und nachgefragte Zeiten stimmen häufig nicht überein. Zum Teil hat dies zur Folge, dass eine Beteiligung gerade von Frauen am Erwerbsleben erschwert, wenn nicht unmöglich wird. Unternehmen plädieren für eine weitere Ausdehnung der Betriebszeiten oder eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten, stoßen aber an die Grenzen gesetzlicher und tarifvertraglicher Regelungen oder der Mitwirkungsbereitschaft der Beschäftigten (wenn sie es sich leisten können, diese zu verweigern). Durch Flexibilisierung und Ausdehnung lösen sich die traditionellen Rhythmen, die eine vergleichsweise einfache Koordination von Zeiten in sozialen Gruppen ermöglichten, immer weiter auf. Die Schaffung gemeinsamer Zeiten wird zur individuellen Aufgabe und Verpflichtung. Die Unvereinbarkeit von Zeiten nimmt auch auf privater Ebene zu. Viele Konflikte in Familien und Partnerschaften können als Zeitkonflikte interpretiert werden.
  • Durch Schnellbahnverbindungen und telekommunikative Vernetzung steigt die materielle und immaterielle Erreichbarkeit. Zeitdistanzen und Raum “schrumpfen”, während die Einzugsbereiche sich ausdehnen — mit allen Folgen für den Verkehr und die Umwelt. Allerdings sind diese neuen Chancen der Zugänglichkeit sozial und räumlich sehr ungleich verteilt.

Die wirtschaftlichen Veränderungen (Globalisierung, Wettbewerb, Kostendruck) verschärfen die Konkurrenz und führen dazu, dass versucht wird, die letzten Zeitreserven auszuschöpfen. Diese Entwicklung ist in der materiellen Produktion noch vergleichsweise harmlos (wenn man von den Folgen der Ausdehnung und Übermüdung absieht). Weil aber persönliche Dienstleistungen vor allem Zeit kosten und die Löhne hoch sind, sind die Rationalisierungspotenziale in diesem Bereich vergleichsweise gering. Wird dennoch Rationalisierung betrieben, führt sie nahezu zwangsläufig zu Verschlechterungen. Auch hierzu einige Anhaltspunkte:

  • In der Pflege von Kranken, die immer weniger im Rahmen sozialer Netze erbracht werden kann, sondern über handelbare Dienstleistungen abgedeckt wird, werden meist nur die notdürftigsten Handreichungen gewährt. Zeit für (therapeutische oder im weitesten Sinne seelsorgerische) Gespräche bleibt nicht.
  • Erziehung und Bildung als öffentliche Aufgabe werden zwar propagiert, aber faktisch nehmen die Gruppengrößen in Kindergärten und Schulen eher zu als ab, die Beschäftigung mit dem einzelnen Kind kommt zu kurz.
  • Die in ausgedehnten und flexiblen Arbeitsformen berufstätigen Eltern bieten den Kindern “quality time” — eine selbstbetrügerische Formel dafür, dass man nicht mehr bereit oder in der Lage ist, ihnen viel Zeit zu widmen.
  • Wenn man die Klagen von Lehrern hört und die Angebote zu “Powerlearning” o.ä. verfolgt, gewinnt man den Eindruck, dass die zeitintensiven Anstren- gungen von Lernen, Üben etc. nicht hoch im Kurs stehen.
  • Der Renditedruck im Taktschlag vierteljährlicher Berichte führt nicht nur zu zweifelhaften Anreizen zur Erhöhung der Umsatzzahlen durch “Luftbuchungen”, vielmehr erlaubt er auch keine zeitlichen Reservate, keine Bereiche “träger Produktivität”.

Auf den ersten Blick erscheint das alles zwangsläufig und höchst rational. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber — gerade auch unter ökonomischen Gesichtspunkten, die gegenwärtig alle Argumentationsmuster bestimmen — die Gefahr, dass langfristige Stabilität und Überlebensfähigkeit der kurzfristigen Rendite geopfert werden, denn:

  • Nur gut ausgebildete und stabile Personen werden die Zukunft der Informations- und Wissensgesellschaft gestalten können.
  • Nur Bereiche “träger Produktivität”, nur Ruhephasen erlauben den nötigen Abstand, um Kreativität und Innovation zu ermöglichen.
  • Unreflektierte Beschleunigung erhöht den Ressourcenverschleiß.

Die beschriebenen Folgen sind im Grunde bekannt, aber noch kaum als externe Kosten des Wirtschaftens wahrgenommen. Vergleichbar mühsam gestaltete sich der Aufklärungsprozess im Anfangsstadium der Umweltdebatte. Hier musste deutlich gemacht werden, dass Naturressourcen Luft, Wasser u.a.) verbraucht, aber nicht vom Nutzer bezahlt wurden. Die Anfänge dieser Aufklärung sind zwar erkennbar, aber noch sind wir weit von einer Internalisierung der externen Kosten entfernt. Mit Zeitressourcen gehen wir in ähnlicher Weise sorglos um. Noch werden die externen Kosten, die sich — wenn auch mit einiger Mühe — errechnen ließen, ignoriert.

Staatliche und kommunale Zeitpolitik muss deutlich machen, dass es bei bestimmten Formen zeitlicher Arrangements um öffentliche Güter geht (Zeitinstitutionen), die nicht nur als soziale Orientierungsmarken dienen, sondern auch die Herstellung von gemeinsamen Zeiten zu geringen Transaktionskosten ermöglichen. Aus diesem Grunde ist es eben nicht gleichgültig, ob die Pflegeversicherung durch die Abschaffung eines Feiertages oder eines Urlaubstages finanziert wird.

Da die angedeuteten Auswirkungen vor allem auf der kommunalen Ebene deutlich werden, betrifft dies in besonderem Maße die Stadt und Stadtplanung im weitesten Sinne.

In der Kommune bündeln sich die Zeitkonflikte, sie ist mit ihren Dienstleistungen in erheblichem Maße für die Qualität des Alltags mitverantwortlich. Eine Integration von räumlicher und zeitlicher Gestaltung in der Stadt kann ihre Qualität erheblich verbessern. Auch hier nur einige ausgewählte Beispiele:

  • Gestaltung von Zeitzonen in der Stadt — etwa die Schaffung von Zonen mit einer Rund-um-die-Uhr-Aktivität und die Lösung der Konflikte, die durch kontinuierliche Aktivitäten entstehen,
  • Zeitliche Gestaltung des lokalen Verkehrs, von der Abstimmung der Fahrpläne unterschiedlicher Verkehrsträger über die zeitliche Ausdehnung der Parkraumbewirtschaftung bis hin zur Festlegung von Zeitfenstern für den Lieferverkehr in sensiblen Bereichen,
  • Systematischere Anpassung von Angebotszeiten öffentlicher Dienstleistungen an die Rhythmen der Nachfrage, etwa die Koordination von Angebotszeiten der Kinderbetreuung.

Die Debatte um Zeit und ihre bewusste Gestaltung hat bisher kaum begonnen — weder auf staatlicher noch auf kommunaler Ebene. Erschwert wird die Debatte,

  • weil die Interessen teilweise sehr diffus und differenziert sind,
  • weil die Konflikte vielfältig sind und eher noch wachsen,
  • weil Interessen, beispielsweise als Arbeitnehmer und zugleich Kunde, miteinander in Konflikt stehen, und
  • nicht zuletzt, weil es keinen “zuständigen” Akteur gibt, der die Interessen einer Zeitpolitik bündeln und vertreten könnte.

Die Gestaltung von Zeit ist in besonderem Maße eine Querschnittsaufgabe. Sie als Aufgabe zu erkennen setzt voraus, dass zunächst das Bewusstsein für die zeitlichen Veränderungen und deren Chancen und Risiken geschärft wird. Zeitpolitik bedarf eines mindestens so langen Atems wie der Einsatz für Umweltbelange und verspricht wenig kurzfristige Erfolge.

Tipp zum Weiterlesen:
Alles zu jeder Zeit? Die Städte auf dem Weg zur kontinuierlichen Aktivität Von Matthias Eberling und Dietrich Henckel 2002. Difu-Beiträge, Band 36 (siehe auch Seite 24) sowie Raumzeitpolitik (siehe Seite 10 ff)

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Dietrich Henckel
Telefon: 030/39001-292
E-Mail: henkel@difu.de