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Difu-Berichte 3/2002 - Raumzeitpolitik

Die Zeitforschung hat ebenso wie die Raumforschung eine lange Tradition und ist seit längerem in einem Aufschwung begriffen, die Vielzahl von Publikationen auch populärer Art sowie öffentliche Debatten über die Notwendigkeit von Zeitpolitik zeugen davon. Zwar gibt es durchaus Untersuchungen zu den Zusammenhängen räumlicher und zeitlicher Entwicklung, doch spricht viel dafür, die beiden Forschungsstränge noch stärker aufeinander zu beziehen, als das bisher der Fall ist. Vor diesem Hintergrund hat die Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) 1998 die Initiative ergriffen, das Thema "Zeit und Raum" in ihr Forschungsprogramm aufzunehmen. In der Folge wurde ein Arbeitskreis unter Mitwirkung der Autorinnen und Autoren der Veröffentlichung etabliert, der sich in einem über zweijährigen Arbeitsprozess mit unterschiedlichen Facetten des Zusammenhangs von Raum und Zeit auf städtischer und regionaler Ebene beschäftigt hat. Es ging darum, Experten aus beiden Forschungsbereichen in einen Diskussionszusammenhang zu bringen, um die gemeinsame Arbeit auf diese Weise besonders effektiv zu gestalten und Synergieeffekte zu nutzen.

Vor dem Hintergrund dieses breit gefächerten Zugangs, der zwar die Integration von zeitlicher und räumlicher Betrachtung zum Gegenstand hatte, aber gleichwohl an vielen Stellen zunächst die zeitliche Perspektive in den Vordergrund rückte, bestand ein einheitlicher - trotz allem nicht ganz bescheidener - Anspruch des Arbeitskreises in folgenden Punkten:

  • Es sollte ein Beitrag zum Stand der Diskussion raumzeitlicher Fragestellungen geleistet werden, der ein weites Spektrum der Betrachtungsweisen und theoretischen wie empirischen Ansätze abdeckt. Dabei sollten Lücken der Diskussion identifiziert und gefüllt werden. Durch die transdisziplinäre Besetzung der Arbeitsgruppe sollten die Vernetzungsmöglichkeiten der unterschiedlichen Zugänge überprüft und fruchtbar gemacht werden.
  • Zentrale Begriffe der gegenwärtigen wissenschaftlichen und politischen Debatte um Zeitveränderungen und ihre vor allem räumlichen Folgen sollten thematisiert und spezifiziert werden, weil nur dann auch ein normativer Diskurs sinnvoll geführt werden kann. Nur wenn Fragen des Zeitwohlstandes, der Verteilung von Zeit, von gemeinsamen Zeiten und Zeitinstitutionen und deren räumliche Äquivalente geklärt werden, kann auch die Debatte um Steuerung weiterkommen. Obwohl die Debatte Bedeutung gewinnt, sind die Begrifflichkeiten nicht eindeutig und die normativen Widersprüche gewaltig.
  • Damit wird auch die Steuerungsfrage - ob und wie "Zeit" Gegenstand von Politik sein kann - zu einer besonders umstrittenen. Strittig sind dabei nicht nur die normativen Grundlagen, sondern auch die Art und das Ausmaß von raumzeitlicher Steuerung, das Verhältnis von materieller und prozeduraler Steuerung, die Frage nach den relevanten und legitimierten Akteuren bis hin zu Fragen des Verhältnisses von Beteiligung und Betroffenheit raumzeitlicher Veränderungen und ihrer Steuerung. Für den normativen Diskussionsstoff, der in dem zeitstrukturellen Wandel und seiner politisch-planerischen Behandlung steckt, soll sensibilisiert werden und die neue Regulierungsdebatte um Zeit soll bereichert werden. Darüber hinaus ging es aber auch um eine Verknüpfung räumlicher und zeitlicher Steuerung. Die Debatte, worum es sich bei raumzeitlicher Steuerung handelt und wie das politische und planerische Instrumentarium weiterzuentwickeln ist, sollte vorangebracht werden.

Die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit liegen nunmehr in einer Veröffentlichung vor. Die Einzelbeiträge wurden unter fünf große Überschriften gestellt.

Fragen und neue Zugänge

  • Die komponierte Stadt

    Anders als die Gestaltung der Qualität des Raums durch Architektur und Städtebau ist die Gestaltung der Qualität der Zeit durch Klangplanung eine vernachlässigte Dimension der Stadt- und Umweltplanung. Der Beitrag von Albert Mayr informiert über Ansätze zur systematischen Erforschung der Klangumwelt, zur Nutzung der akustischen Charakteristiken von Räumen in kompositorischen Prozessen und zur Einbeziehung der akustischen Komponente in die Planung von Gebäuden und öffentlichen Räumen.

  • Soziale Raumzeit

    Der Beitrag von Georg Franck legt eine theoretische Fundierung zu dem Begriff sozialer Raumzeit. Raum und Zeit stehen zur menschlichen Existenz in zwei unterschiedlichen Bezugssystemen. Zum einen stellen sie knappe Ressourcen dar, die in bestimmtem Umfang gegenseitig substituierbar sind. Zum anderen bilden sie Grundkategorien der menschlichen Existenz, die sich in einem jeweiligen Hier und Jetzt konkretisieren. Das Hier und das Jetzt sind Zentren des subjektiven Erlebens und Ausgangspunkt einer von der Knappheit unabhängigen Bewertung räumlicher und zeitlicher Entfernung. Je ferner eine Sache im Raum und je ferner ein Ereignis in der Zeit, umso mehr verlieren sie an existenzieller Bedeutung: räumliche und zeitliche Entfernung werden im Bewusstsein "diskontiert".

  • Geschlechterverhältnisse im raumzeitlichen Wandel moderner Gesellschaften

    Soziale Raumzeit ist gebrochen auch entlang sozialer Besonderheiten. Weder Geschlecht noch Raum und Zeit lassen sich als statische, unveränderbare Charakteristika moderner Gesellschaften fassen. Der Beitrag von Ingrid Breckner und Gabriele Sturm zielt darauf ab, bestehende Verknüpfungen zwischen Geschlechterverhältnissen und raumzeitlichen Wirklichkeiten in modernen Gesellschaften zu erhellen und ihre systematische Erforschung im Kontext raumzeitlicher Fragestellungen anzuregen.

Raumentwicklung

  • Zeitkoordination im Rahmen der modernen Logistik

    Markus Hesse beschäftigt sich in seinem Beitrag mit raumzeitlichen Wechselwirkungen, die durch moderne Logistik im Gütertransport ausgelöst werden. Ausgehend von neuen Formen der Raum-Zeit-Koordination in der Warenwirtschaft der Unternehmen auf der Basis von Logistikkonzepten, die entlang von Wertschöpfungsketten Beschaffung, Produktion, Konfektionierung, Distribution und Entsorgung von Gütern optimieren, untersucht er "neue Systeme der Raum-Zeit-Konfiguration" in der logistischen Praxis und "Raumwirksamkeiten der logistischen Zeitpolitik".

  • Beschleunigung und Raumgerechtigkeit

    Die räumliche Mobilität nimmt in Europa noch immer zu - und sie beschleunigt sich. Bei der Anwendung neuer Analyseinstrumente auf die durch transeuropäische Schnellbahnnetze geprägten Raum-Zeit-Verhältnisse in Europa durch Michael Wegener und Klaus Spiekermann stellt sich schon heute eine geografische Disparität heraus, die sich aber bis 2010 nach absehbaren Tendenzen noch vertiefen wird: Die transeuropäischen Netze erhöhen wesentlich nur die Erreichbarkeit der Metropolen - tendenziell sogar zu Lasten der Peripherie. Dieser Befund wirft Probleme sozialer Gerechtigkeit auf, die in den nationalen und supranationalen Politiken derzeit weder öffentlich gemacht, geschweige denn erörtert werden.

  • Dynamik räumlicher Prozesse

    Der Beitrag von Georg Franck und Michael Wegener zeigt, dass sich Raumplanung und Raumwissenschaft bisher nur unzureichend auf diesen Wandel ihres Gegenstandsbereichs eingestellt haben. Nach wie vor dominieren komparativ-statische Vorstellungen und ein Denken in diskreten Zuständen. Das Denken in dynamischen Kategorien ist unterentwickelt und wird auf Prozesse des Wandels eingeschränkt. Tatsächlich verlangt aber ein systematischer Übergang vom Denken in Zuständen zum Denken in Prozessen, dass Dauer und Wandel gleichermaßen berücksichtigt und in einem Spektrum kontinuierlicher Differenzen beschrieben werden. Diese Sichtweise legt es nahe, räumliche Planung als gezielte Stabilisierung bzw. Destabilisierung von Prozessen zu konzipieren.

  • Wie unterschiedliche Timescapes Staatsraum und Landschaften verändern können

    Der Raum bildet zeitliche Strukturen der Gesellschaft ab, die gesellschaftlichen Zeiten und Zeitregime und die Raumstrukturen stehen als "Zeitlandschaften" in einem engen Wechselverhältnis. Gerhard Stiens zeigt in seinem Beitrag, dass die Politik ihre Raumwirksamkeit besonders durch die "Beschleunigungsressorts" (Verkehr, Telekommunikation, Forschung u. a.) entfaltet, die ihre Aufgabe vor allem in der Beschleunigung der Raumüberwindung sehen. Um Zukunft zu gestalten, bedarf es einer kritischen Analyse der aktuellen Situation und einer Einschätzung des zukünftig Möglichen.

Zeitpolitik

  • Wer macht die Zeit? Gesellschaftliche Zeitstrukturen im Wandel

    Der Beitrag von Matthias Eberling skizziert den Wandel gesellschaftlicher Zeitstrukturen und seine Auswirkungen auf Arbeits- und Lebenswelten sowie die natürliche Umwelt. Die Richtung der zeitlichen Veränderungen wird anhand der Stichworte Beschleunigung und Flexibilisierung analysiert. Der Beitrag geht von einer tendenziellen Aufhebung und Erosion tradierter Zeitverhältnisse aus. Diese Prozesse werden überwiegend kritisch bewertet. Über eine Typologie von Taktgebern (z. B. natürliche, institutionelle, ökonomische), Dominanzen und Regelungen wird versucht, das Ausmaß der Veränderungen und mögliche Handlungsspielräume für eine zeitpolitische Gestaltung zu bestimmen. Handlungsstrategien werden nur als erfolgreich angesehen, wenn sie die sozioökonomischen Kontexte neuer Zeitstrukturen berücksichtigen.

  • Wer verteilt die Zeit?

    Der aktuelle wirtschaftliche Strukturwandel rückt die Verteilung von Zeit ins Zentrum der Wohlfahrtsentwicklung. Im Beitrag von Dietrich Henckel wird dieses Politikfeld begrifflich geklärt und differenziert. Schwierigkeiten und Möglichkeiten, die Verteilung von Zeit zu messen, sowie Kriterien für die Bestimmung von Zeitwohlstand und von Gerechtigkeit der Umverteilung von Zeit zu gewinnen, werden herausgearbeitet und diskutiert.

  • Örtliche Zeitkonflikte und die Macht der Zivilgesellschaft

    Eine weitere zentrale Frage ist, wie angesichts der großen Taktgeber aus den zeitstrukturierenden gesellschaftlichen Subsystemen Wirtschaft und Staat und ihrer Medien Macht und Geld - ein "Recht auf eigene Zeit" als Bürgerrecht etabliert werden kann, wie es ähnlich schon im Fall der abhängigen Arbeit und der Erhaltung gesunder Umweltbedingungen ansatzweise gelungen ist. Zuerst einmal müssten das disperse Auftreten bzw. die Desorganisation, die für die zeitbezogenen Interessen aus der "Lebenswelt" (von Einzelpersonen oder Haushalten in der Stadt) charakteristisch sind, überwunden werden. Ulrich Mückenberger zeigt, dass ein Modus funktionierender zeitstrukturierender Kooperation zwischen Lebenswelt bzw. Zivilgesellschaft einerseits und Wirtschaft und Staat andererseits gefunden werden kann und eine solche Zeitpolitik in der Stadt nur als Teil einer lebendigen "experimentellen Demokratie" auf lokaler Ebene zu denken ist.

Zeit und Raum in der Lebenswelt

  • Zeitverwendungsmuster und Raumnutzung

    Die tradierten Bewegungsmuster in Raum und Zeit verändern sich. Dies ist zurückzuführen auf die zunehmenden disponiblen Zeitbudgets der Individuen, den ökonomischen Strukturwandel und die damit verbundene Flexibilisierung von Arbeitszeit bzw. die räumliche Entkopplung von Arbeit und Arbeitsort sowie die wachsende materielle und immaterielle Mobilität, die der Fortschritt im Bereich der Transport- und Kommunikationstechnologien ermöglicht hat. Nach Thomas Sieverts lassen sich dabei soziale Gruppen unterscheiden, die entsprechend ihrer zeitlichen und räumlichen Bindung (an Arbeitsplatz, Familie usw.), ihrer ökonomischen Potenziale und ihrer mentalen bzw. kulturellen Prägungen neue Ansprüche an ihr Wohnumfeld entwickeln. Aufgabe der Stadtplanung wird es sein, diesen sich ausdifferenzierenden Ansprüchen mit neuen Formen der Integration stadträumlicher Funktionen, aber auch der Separation solcher Funktionen zu begegnen.

  • Wohlstand an Zeit und Raum für Kinder?

    Zeit und Raum werden in heutigen Städten meist über die Köpfe der Kinder hinweg gedacht, verhandelt, gestaltet, verteilt, obwohl der veränderte Umgang mit Raum und Zeit auch für Kinder teilweise einschneidende Veränderungen brachte. So musste etwa das schrittweise, autonome Ergehen und Erspielen der räumlichen Felder um den Wohnsitz herum dem Gefahren-Werden zu immer isolierteren Unterrichts-, Spiel- und sonstigen Punkten weichen. Kinderzeiten werden maßgeblich durch Erwachsene bestimmt; das war auch früher so, doch treten an die Stelle der direkten Machtausübung durch die jeweiligen Autoritätspersonen zunehmend gesichtslose, systembedingte Zwänge. Helga Zeiher beschreibt, welche Strategien Kinder entwickeln, um sich in einer dermaßen verwalteten Umwelt eigenbestimmtes Gestalten und Erleben von Orten und Zeiten zu ermöglichen, sie zeigt auf, wie sich die noch frische konzeptuelle Kategorie des Wohlstands an Zeit und Raum aus Kindersicht ausnehmen könnte.

Schlussfolgerungen

In ihrer Gesamtheit zeigen die Beiträge dieses Bandes, dass die Raum-Zeit-Verhältnisse der westlichen Gesellschaften in einem signifikanten Umbruch begriffen sind, der überaus ambivalente und dabei auch den sozialen Zusammenhalt gefährdende Wirkungen erzeugt. Daraus ergibt sich ein offensichtlicher Analyse- und Gestaltungsbedarf, der dabei aber kaum mehr eindeutige normative Beurteilungsmuster zulässt und mit den herkömmlichen Politikmustern nicht mehr zulänglich zu bewältigen ist.

Im Schlussbeitrag werden die Grundprobleme und Paradoxien der Entwicklung sowie die Auswirkungen der Zeitveränderungen, ihre Folgen für die Nachhaltigkeit und die Raum-Zeit-Verhältnisse noch einmal zusammenfassend beschrieben. Aus den Ergebnissen wird die Notwendigkeit einer integrierten Raumzeitpolitik abgeleitet, deren zentrale Ziele - die zwar durch negative wie auch positive Indikatoren eingegrenzt, nicht aber bereits klar definiert werden können - u.a. Selbstbestimmung, Vermeidung von Diskriminierung und Entwertung von Zeit, Spielräume für gemeinsame Zeiten sowie die Sicherung von Zeitinstitutionen sind. Die zunächst rein zeitpolitisch erscheinenden Ziele haben ihre räumlichen Äquivalente - so entspricht etwa der Optionalität in der Zeit die Offenheit des Raumes, dem zeitlichen Rhythmus die räumliche Nachhaltigkeit, Wahrnehmbarkeit und Identität. Deshalb sollte Zeitpolitik niemals auf Raumpolitik verzichten. Weitergehend wird aber die Forderung erhoben, Raum- und Zeitpolitik zu "integrieren". Das heißt, dass Raumgestaltungen nicht allein einer Raum- oder Planungslogik folgen dürfen, sondern in der Weise auf alltägliches Handeln bezogen werden, dass sie geeignet sind, selbstbestimmten individuellen und gemeinsamen Zeitgebrauch im Alltag zu erlauben, zu erleichtern und zu fördern.

In diesem Sinne werden ausgewählte Politikfelder und Handlungsebenen sowie Akteure und neue Akteurskonstellationen beschrieben und neue Prozesse zivilgesellschaftlicher Organisation erläutert. Die abschließend formulierten offenen Fragen und der Forschungsbedarf machen deutlich, dass die Debatte über eine integrierte Raumzeitpolitik noch am Anfang steht.

Weitere Verweise auf diesen Beitrag: 
Publikation - Raumzeitpolitik