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Difu-Berichte 3/2002 - Neue Medien und Stadtentwicklung: Virtualisierung und Entstehung neuer Raummuster

Neue Medien und Stadtentwicklung –

Virtualisierung und Entstehung neuer Raummuster

Als Querschnittstechnologie greifen IuKTechniken bereits heute in nahezu alle Bereiche der Arbeits- und Lebenswelt ein. Dies gilt vor allem für die Städte, als Räume höchster Informationsdichte, Knoten der technischen Vernetzung und Orte, an denen sich die Anwender der neuen Techniken konzentrieren. Dennoch muss man sich bei der Beschäftigung mit Fragestellungen, die den Zusammenhang von Technologieentwicklung und Stadtentwicklung betreffen, darüber im Klaren sein, dass man sich einem hochspekulativen Thema nähert.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, vertreten durch das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, hat das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) zusammen mit dem Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) das Themenfeld "Neue Medien und Stadtentwicklung" strukturiert und städtebaulich relevante Fragestellungen präzisiert, Beispiele für den Einsatz von neuen IuK-Techniken mit stadtentwicklungspolitischer Relevanz dokumentiert und Empfehlungen zum weiteren Umgang der Städtebaupolitik mit dem Thema erarbeitet. Dazu wurden vorhandene Materialien ausgewertet, Stadtplaner und Stadtentwickler in den deutschen Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern schriftlich nach ihren Einschätzungen befragt, eine Zukunftswerkstatt und eine Expertenanhörung durchgeführt und zahlreiche Einzelgespräche mit Experten geführt.

Die Ergebnisse bieten eine Vielzahl von Ansatzpunkten und Anregungen für die Beschäftigung mit dem Thema "Neue Medien und Stadtentwicklung", die an dieser Stelle nur in sehr komprimierter Form vorgestellt werden können. Sie machen deutlich, dass überschwängliche Erwartungen an die Potenziale der "Neuen Medien" für die Stadtentwicklung genauso unangebracht sind wie deren Negation. Sie machen misstrauisch gegenüber allzu einfachen Ursache-Wirkungs-Vermutungen, obwohl die gewünschte Zuspitzung auf die Wirkungen hinsichtlich der Stadtentwicklung auch uns immer wieder dazu verführte, komplexe Zusammenhänge verkürzt darzustellen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich trotz zunehmender räumlicher Flexibilität die Informationsgesellschaft nicht auf den "luftleeren Raum" zurückzieht und ortlos bleibt, sondern im Gegenteil neue Raumkonstellationen prägt, dem materiellen Raum einen virtuellen hinzufügt und beide in komplexe Zusammenhänge stellt.

Deutschland ist auf allen räumlichen Ebenen bereits mit einem dichten Geflecht von Kommunikationsnetzen unterschiedlichster Form durchzogen. Mit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes hat sich die Angebotsvielfalt in einigen Räumen erheblich vergrößert, andere haben weniger von der Liberalisierung profitiert. Trotz vorhandener Regulierung gehört "Rosinenpicken" zur Ausbaustrategie vieler alternativer Carrier. Die Verdichtungsräume und großen Städte gehören insgesamt zu den Gewinnern des privaten Infrastrukturausbaus, wobei kleinräumlich wiederum erhebliche Versorgungsunterschiede bestehen können. Räumliche Unterschiede werden auch beim UMTS-Ausbau wieder deutlich. Die erheblichen Kosten, die für die Carrier beim Erwerb der Frequenznutzungsrechte verbunden waren (umgerechnet ~ 125 Mrd. Euro europaweit) und die erheblichen Infrastrukturinvestitionen (geschätzt weitere 125 Mrd. Euro europaweit), die mit dem Aufbau des Netzes verbunden sind, führen zu hohen Einstiegskosten für potenzielle Nutzer der Technologie und verlangsamen damit die Diffusion vermutlich erheblich.

Neue Techniken und ihre Anwendung waren schon immer mit gravierenden Veränderungen des Raumgefüges verbunden und beeinflussten damit die Stadtentwicklung. Viel zitierte Beispiele sind Straßenbahn, Eisenbahn, motorisierter Individualverkehr oder Telefon. Zunächst führt die weitgehende Nutzung von IuK-Techniken zu einer Veränderung unserer Raumwahrnehmung in zweierlei Hinsicht: Entfernungen verlieren an Bedeutung und nahe Orte erscheinen häufig weiter entfernt als fern gelegene. Die räumlichen Wirkungen sind allerdings bei der Analyse nur schwer zu isolieren. Sie zeigen sich im Wesentlichen nicht als direkte, sondern als vermittelte Wirkungen, die nicht von der Technologie selbst, sondern von deren Anwendung in einem komplexen sozialräumlichen Kontext bestimmt werden. Die weit- gehende Durchdringung des Alltags mit IuK-Technik führt zur Bildung eines komplexen Geflechts von materiellem und virtuellem Raum: Informationsströme lösen sich immer stärker von Warenströmen, physische Transporte können durch Datentransfer substituiert werden, die Mobilisierung der Kommunikation erlaubt die Gestaltung neuer Wegeketten und längerfristig neuer Raumnutzungsmuster usw. Die "electronic flows" werden ergänzt durch physische Beziehungen. Von besonderer Bedeutung sind dabei die komplementären Wirkungen von Telekommunikation und Verkehr.

Ebenfalls prägend sind die wirtschaftsstrukturellen Veränderungen, die mit der Entwicklung der "new economy" im weiteren Sinn verbunden sind. Neue Wertschöpfungsketten und Unternehmensnetze entstehen. Betroffen davon sind sowohl Unternehmen der "new economy" als auch traditionelle Wirtschaftsunternehmen. Die räumlichen Trends sind nicht eindeutig: Die Möglichkeiten der informationstechnischen Vernetzung können z.B. zur Ausbildung von regionalen Clustern führen, sie können aber auch die Globalisierung von Unternehmensabläufen begünstigen. Insgesamt kommt es zu einer Flexibilisierung des Arbeitsortes mit unterschiedlichen Folgen für das Städtesystem, Städte und ihre Teilräume. Erwartet werden für das Städtesystem ein Hierarchisierungsschub und ein verstärkter Städtewettbewerb, Disparitäten zwischen Steuerungszentralen und abhängigen Räumen sowie funktionale Konzentrationsprozesse. Die häufig postulierten positiven Wirkungen der Neuen Medien für den ländlichen Raum bestätigen sich nicht. Allein auf Basis der Technologien wird es vermutlich nicht zu einer umfassenden Stärkung des ländlichen Raums kommen. So ist Telearbeit vorwiegend ein Phänomen der Stadt und ihres Umlandes. Für die Städte kann die Entwicklung mit einer Verringerung der Planbarkeit, einer Verkürzung der "Reaktionszeiten" und mit funktionalen Veränderungen von Wohnund Arbeitsorten verbunden sein.

Auch im Zusammenhang mit der Veränderung von Lebensstilen gewinnen IuKTechniken an Bedeutung. Sie unterstützten die Individualisierung von Lebensstilen und vergrößern die Wahlmöglichkeiten für den Einzelnen. Mögliche Folgen liegen in einer - auch räumlichen - Fragmentierung der Städte, der weiteren Ausdifferenzierung von Stadträumen, Spezialisierungsund Nischenbildungsphänomenen.

Electronic Business hat in den letzten Jahren im Rahmen des elektronischen Geschäftsverkehrs zwischen Unternehmen B2B) in einzelnen Bereichen erheblich an Bedeutung gewonnen. Elektronische Dienstleistungen für den Konsumenten spielen demgegenüber bisher nur eine untergeordnete Rolle. Nur in wenigen konsumentenorientierten Geschäftsbereichen sind "elektronische Verkäufe" schon umsatzrelevant wie bei Konzerttickets, Fahrkarten, Büchern, Software oder CDs. Wenige Monate nach der Einführung des elektronischen Tickets, das sich jeder per Computer bestellen und an seinem Drucker ausdrucken kann, vertreibt die Deutsche Bahn AG monatlich rund 2000 Tickets auf diesem Weg. Im Jahr 2000 wurden in Deutschland Umsätze in Höhe von umgerechnet knapp 200 Mio. Euro mit dem Online-Handel von Büchern gemacht. Trotz heute für den gesamten Online- Einzelhandel eher ernüchternder Zahlen und erheblichen Prognoseunsicherheiten, können bei einer zu erwartenden stärkeren Verbreitung der Angebote erhebliche räumliche Wirkungen von den damit verbundenen veränderten Standortstrukturen im Handel ausgehen. Zwar werden Innenstädte mit Aufenthalts- und Erlebnisqualität kaum Einbußen erleben, für klassische "Grüne-Wiese"-Standorte, Randlagen von Oberzentren, kleine und mittlere Zentren könnten Verlagerungen zugunsten des Online-Handels aber zusätzliche Probleme zu den ohnehin vorhandenen Strukturproblemen bringen. Eine zunehmende Kopplung von Einkaufsund Freizeitaktivitäten könnte sich auf Standorte positiv auswirken, an denen sich Angebote aus beiden Bereichen konzentrieren. Dies kann sowohl die Innenstädte aber auch Standorte der "neuen Grünen Wiese" betreffen.

Trotz der Prognoseunsicherheiten, der Komplexität der Verflechtungen zwischen virtuellem und materiellem Raum und der z.T. sehr unterschiedlichen Einschätzung der Entwicklung durch verschiedene Autoren, lassen sich die räumlichen Wirkungen der IuK-Technik weiterhin in das modelltheoretische Schema einordnen, das schon zu Beginn der 1980er Jahre im Rahmen der Diskussionen um die Bedeutung der "neuen Medien" erörtert wurde:

  • Die raumüberwindenden Eigenschaften der IuK-Technologien können zu einer Aufhebung von Agglomerationsvorteilen und damit zu einer Dekonzentration führen (Dekonzentrationsthese).
  • Die bestehenden räumlichen Disparitäten können durch die IuK-Technologien weiter verstärkt werden (Konzentrationsthese).
  • Die Verteilung von Steuerungskompetenz kann sich zugunsten oder zulasten bestimmter Räume ändern (Zentralisierungsthese bzw. Dezentralisierungsthese).
  • IuK-Technologien können die räumlichen Entwicklungstrends nicht grundsätzlich verändern, sondern verstärken sie.

Die Untersuchung stellt den Einsatz der IuK-Technologien in unterschiedlichen Lebensbereichen und ihre potenziellen und tatsächlichen Wirkungen auf das Städtesystem und Teilräume der Städte dar. Schwerpunkte sind:

  • die Rahmenbedingungen der "Informationsgesellschaft"
  • die Entwicklung der IuK-Infrastruktur
  • die Raumwirkungen der IuK-Technologien
  • die Bedeutung des IuK-Bereichs für das Handeln der Städte
  • der Zusammenhang zwischen IuK-Einsatz und der Flexibilisierung des Arbeitsortes
  • die Technisierung des Wohnens
  • neue Formen des Einzelhandels und
  • die Koevolution von informations- und kommunikationstechnischer Vernetzung.

Die Analyse wird ergänzt durch eine ausführlichere Darstellung guter Beispiele für die Anwendung "neuer Medien" im Kontext der Stadtentwicklung.

Im Ergebnis erscheint die Schaffung von Infrastruktur (z.B. die Telekommunikationsvernetzung von Stadtteilen und Dörfern) allein kaum ausreichend für eine nachhaltige technologieorientierte Stadtentwicklung. Wichtig ist, den Nutzern die "Neuen Medien" nahe zu bringen, d.h. im konkreten städtebaulich-räumlichen Kontext: Projekte auszuwählen, bei denen die Technologien auf "fruchtbaren Boden" fallen, die Infrastrukturmaßnahmen durch anwendungsbezogene Maßnahmen zu ergänzen und keine isolierte Technikentwicklung zuzulassen. Dies gilt gerade für "schwierige Standorte" wie z.B. die peripheren ländlichen Bereiche.

Die Vielfalt "guter Beispiele" zeigt, dass die Relevanz des Themenfeldes "Neue Medien und Stadtentwicklung" sowohl von Akteuren im öffentlichen, als auch im privaten Bereich erkannt wurde. In vielen Fällen steht jedoch eine Integration in zukunftsweisende Stadtentwicklungskonzepte noch aus. Hier besteht erheblicher Handlungs- und Gestaltungsbedarf.

Die Ergebnisse des Projekts sind in zwei Bänden der Materialienreihe erschienen:

Band 1 fasst die Ergebnisse zusammen und stellt "gute Beispiele" vor. Band 2 dokumentiert die Vorträge einer Anhörung, die das Difu im Rahmen des Projekts mit Experten aus deutschen Städten, Projektentwicklung und Immobilienmanagement, Vertretern der Kommunikations- und Medienwirtschaft, Forschungseinrichtungen und Telekom-Carriern durchgeführt hat, außerdem hat der Band die Ergebnisse einer Zukunftswerkstatt des IZT zum Thema.

Weitere Informationen:
Dipl.-Geogr. Holger Floeting
Telefon: 030/39001-221
E-Mail: floeting@difu.de

Bestellung: siehe Bestellschein

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