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Difu-Berichte 3/2002 - Jugendhilfe und Soziale Stadtteilentwicklung

Jugendhilfejahrestreffen in Nürnberg

Auf Einladung der Stadt Nürnberg trafen sich am 10. Juni 2002 Jugendamtsvertreterinnen und -vertreter aus Difu-Mitgliedstädten zum 16. Jugendhilfe-Jahrestreffen. Diskutiert wurde nicht nur über das Thema "Jugendhilfe und soziale Stadtteilentwicklung" im Zusammenhang mit den Erfahrungen der Projekte des "Soziale Stadt"-Programms, sondern auch über die Regionalisierung der Jugendhilfe sowie die Neuorientierung der Gemeinwesenarbeit in den Stadtteilen. Von besonderem Interesse war die Rolle, die die Jugendhilfe der Stadtteilorientierung in ihrer Arbeit einräumt und die Position, welche ihr in den gemeinsam mit dem Stadtplanungsamt betriebenen Projekten von anderer Seite eingeräumt wird. Es ging auch um die Frage, wie weit es der Jugendhilfe gelingt, ihre Methodik und Organisationsformen bei der Entwicklung von Kommunikation und Verfahren zum Nutzen der sozialen Stadtteilentwicklung einzubringen. Das Werkstattgespräch gliederte sich in zwei thematische Runden, die erste Runde bestand aus Stadtbeiträgen zu Soziale Stadt-Projekten und Evaluationsergebnissen zum korrespondierenden "E+C-Programm" des BMFSFJ, vorgetragen durch das Deutsche Jugendinstitut (DJI), München. In der zweiten Runde standen Beiträge zu "aktivierender Jugendhilfeplanung", zum Stand der "Regionalisierung sozialer Arbeit" sowie zu "Entwicklungsmanagement als Kommunikationsprozess und Ressourcensteuerung" im Vordergrund.

Im Vergleich zeigte sich, dass die Einzelbeispiele - einerseits des Soziale Stadt- Projekts in Nürnberg (Siedlung Nordostbahnhof) und andererseits das integrierte Projekt Hamm-Norden - sehr unterschiedliche Zugangsweisen, Konzepte und Verankerungen der Jugendhilfe im Stadtteilprojekt aufweisen. In Nürnberg erarbeiteten Stadtplanung und Jugendhilfeplanung parallel Stadtteilanalysen und kamen dabei zu gleichen Befunden: Neben den Mängeln in der baulichen Struktur fehlt es im Gebiet Nordostbahnhof vor allem an Infrastrukturangeboten für Kinder und Jugendliche und Nachbarschaftshilfen für Ältere. Hier ist die Stadt mit hoher Professionalität und fachlicher Gründlichkeit eingestiegen und bringt für den Ausbau der Infrastruktur rund fünf Mio. Euro in zehn Jahren auf. Ergänzt wird das Angebot durch Kinderbeteiligungsprozesse, Aufbau von ehrenamtlichen Helferkreisen und Ausbildungsprojekte für Jugendliche.

Das Soziale Stadt-Projekt in Hamm Norden entstand aus einem Jugendhilfe-Projekt zur Prävention von Jugendgewalt im Stadtteil, initiiert durch eine Schule. Die Jugendhilfe hat daraus ein grundsätzliches Modell geschaffen, in dem Stadtteilarbeit als strategische Ausrichtung der wichtigen kommunalen Handlungsfelder verstanden wird. Zu dieser Strategie gehören folgende Elemente: Verortung der sozialen Dienste im Stadtteil, ressortübergreifender Ansatz, Organisationsund Personalentwicklung, fachlich-konzeptionelle Anpassung an die Stadtteilgegebenheiten, stärkere Bürgerbeteiligung, Stadtteilbudget, unabhängiges Stadtteil- Gremium, Stadtteilmarketing und Außendarstellung.

Der Vergleich der Konzepte zeigt, dass es in Bezug auf die Rolle und Position der Jugendhilfe im Stadtteil unterschiedliche Gewichtungen gibt. Dies hat sich auch im DJI-Bericht über die ersten Evaluationsergebnisse im E+C-Programm gezeigt, die sich vor allem mit den Kooperationen von Einrichtungen in den Modellgebieten mit kommunalen und staatlichen Ämtern, Initiativen und Fachausschüssen befassen. Vernetzung und Kooperation im Stadtteil gelingen am besten über die fachlichen Bezüge innerhalb der Jugendhilfe und konzentrieren sich meist auf projektorientierte Anlässe. Dies trifft vor allem auf die Hauptakteure im Stadtteil zu, auf Jugendamt, Schule, Polizei, Arbeitsamt und nachrangiger auf Quartiermanagement und Stadtplanung. In welchen Netzstrukturen dies im Einzelnen geschieht, wurde anhand von drei Typen dargestellt.

Typ 1 hat zwei Teilnetze, die jeweils um Jugendamt und Stadtplanungsamt herum gruppiert sind und als gemeinsames Netzelement den Stadtteilgesprächskreis haben, aber nicht direkt von Amt zu Amt miteinander kooperieren sondern nur auf Stadtteilebene. Typ 2 hat als Nukleus einen Arbeitskreis "Jugend", an dem sich im Stadtteil lokale Initiativen, freie Träger, Kirche, Polizei, Quartiermanagement und Schule anbinden. Das Jugendamt hat dazu nur eine relative Nähe, da es nicht direkt zu dem Arbeitskreis gehört. Im Typ 3 nimmt. Das Jugendamt über Steuerungsgruppe und Quartiermanagement ebenfalls nur indirekt auf die Projekte der Jugendhilfe im Quartier Einfluss. Diese vorläufigen Ergebnisse werden noch in einer Totalerhebung zu validieren sein.

Wie eine Stadt ohne den finanziellen Motor des Soziale Stadt-Programms dennoch zu sozialen Entwicklungen im Stadtteil beitragen kann, stellte das Sozialdezernat der Stadt Karlsruhe vor: Hier wurden insgesamt mit großem Erfolg ämterübergreifend neue Konzepte zur Verbesserung der Lebenslagen von Aussiedlerjugendlichen, zur Verminderung der Quote der Schulverweigerer und zur Stärkung der Identität der Jugendlichen, geschaffen durch den Aufbau von russisch sprechenden Trainingsgruppen (zum Teil mit russischen Sportarten und Trainern) und Vereinen im sportlichen Bereich.

Ein weiteres Modell stellte die Stadt Pforzheim vor, wo ebenfalls unabhängig von Soziale Stadt-Mitteln Stadtteilentwicklung gefördert wird. Mit einer übergreifenden Kooperationsstruktur wird versucht, die Fragen der Kinder- und Schülerbetreuung in belasteten Stadtteilen zu lösen. Der Begriff "aktivierende Jugendhilfeplanung" steht für eine Aktivierung von Sozialen Diensten durch die vor Ort vorhandenen Freien Träger, sozialen Organisationen und ehrenamtlichen Helfer. Die Selbststeuerung des Sozialraums wird damit nicht erreicht, aber die Sozialräume werden als Verantwortungsräume für die Bewohner sichtbar: Teilweise Selbstgestaltung und Selbststeuerung von Jugendhilfeleistungen werden realisiert, ohne das Wächteramt des Jugendamtes anzutasten.

"Regionalisierung der Jugendhilfe" wurde im Beitrag der Situation der Stadt Mannheim dargestellt. Die Organisation der sozialen Dienste ist unterschiedlich stark regionalisiert. Selbst wenn zwei Drittel der Dienste inzwischen eine regionalisierte Orientierung haben und auch Gemeinwesenaspekte verfolgen, ist nur ein Drittel auch in den Regionen vor Ort vertreten.

Der Beitrag aus der Stadt Magdeburg befasste sich mit dem "Entwicklungsmanagement als Kommunikationsprozess und Ressourcensteuerung". Anders als Mannheim hat die Stadt Magdeburg den Regionalisierungsprozess mit dem Aufbau von fünf Sozialzentren bereits abgeschlossen. Ziel der Strukturveränderung war neben einer Aufgabenneuverteilung die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen auf die bürgernächste und wohnortnahe Ebene, die Dienstleistungsorientierung in der Jugendhilfe, die Organisation der Hilfe zur Erziehung als ganzheitlicher Beratungsund Unterstützungsprozess, die Bündelung der Durchsetzung von Jugendamtsaufgaben und die Ausrichtung der Struktur an den Leitlinien Wirtschaftlichkeit, Bürgernähe und Dienstleistung. Außerdem verfolgt das Jugendamt in Kooperation mit der KGSt ein Konzept von strategischem Management auch in der Stadtteilentwicklung, das zentrale Forderungen der Verwaltungsreform einlöst.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Jugendhilfe bei den sozialen Stadtteilprojekten mit einem erweiterten Leitbild arbeitet, dazu gehört auch die Neubewertung der Gemeinwesenarbeit. Die Anzahl der Akteure hat sich vergrößert, alle im Stadtteil vorhandenen Gruppierungen kommen prinzipiell in Frage, wenn auch die staatlichen Einrichtungen (Schule, Polizei, Arbeitsamt) eine herausragende Rolle spielen. Die Forderung nach mehr Bürgernähe und das Verständnis vom Sozialraum als Lebensraum werden zum neuen Leitbild. Die Verwaltungsreform, mit ihren Aspekten Budgetierung, Controlling, Evaluation, Monitoring und Nachhaltigkeit, war bei den vorgestellten Projekten mehr oder weniger vollständig präsent. Kleinräumige Daten sind meist nicht vorhanden, hier besteht noch Entwicklungsbedarf. Das Wächteramt des Jugendamts ist in all diesen Regionalisierungsprozessen ausgesprochen wichtig und darf nicht ausgehöhlt werden. Bei allen Veränderungsprozessen muss der politische Rückhalt beachtet werden. Deshalb erfordert soziale Stadtteilentwicklung ein politisch sensibles, strategisches Management und eine Vermarktung der Erfolge zur Gewinnung politischer Promotoren.

Weitere Informationen: 

Dipl.-Ing Heidrun Kunert-Schroth