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Difu-Berichte 2/2012 - Wenn Bürger stiften gehen...

Elke BeckerWenn Bürger „stiften“ gehen, hat das nicht unbedingt mit Abwanderung, Schrumpfung oder Stadtumbau zu tun. Quer durch die Bundesrepublik Deutschland stiften Bürger tatsächlich für ihre Stadt oder Region Geld, Zeit und Ideen. Sie tun dies nicht selten unter dem Dach einer Bürgerstiftung. Nachdem vor etwa 15 Jahren in Gütersloh und anschließend in Hannover die ersten Bürgerstiftungen als Gemeinschafts-Stiftungen nach dem Vorbild der anglo-amerikanischen community foundations entstanden sind, folgten diesem Vorbild bundesweit rund 300 Bewegungen. Sie verfügen heute gemeinsam über ein Vermögen von etwa 180 Millionen Euro.

Das Modell gestaltet sich so, dass sich mehrere Menschen in einem Quartier, einer Stadt oder Region zusammentun und – frei nach John F. Kennedy – nicht fragen, was die Stadt für sie tun kann, sondern was sie für ihre Stadt tun können. Wesentliches Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität vor Ort.

Für jede Kommune sollten solche Initiativen äußerst willkommen sein. Aber nicht immer gestaltet sich das Miteinander konflikt- oder problemfrei. So ist es den Bürgerstiftungs- Akteuren u.a. wichtig, von Konfessionen, Parteien oder der Wirtschaft unabhängig zu sein. Sie wollen sich, was ihr gutes Recht ist, nicht vereinnahmen lassen, auch – oder insbesondere – nicht von der öffentlichen Hand. Dies erschwert es mancherorts, ein ausgeglichenes Verhältnis und konstruktives Miteinander zu entwickeln. Der Grat zwischen einem willkommenen Abwälzen von Aufgaben („das kann doch die Bürgerstiftung übernehmen“), dem unkoordinierten Angehen vermeintlicher Probleme (nicht immer erscheinen Vertretern der öffentlichen Hand die Projekte von Bürgerstiftungen sinnvoll, notwendig oder zumindest vorrangig), Respekt und Anerkennung der Qualitäten und Leistungen des jeweils anderen sowie einer vertrauensvollen und verlässlichen Kooperation ist schmal.

Qualität der Idee: Vielfalt und Flexibilität
Die Idee der Bürgerstiftung überzeugt: Jeder Bürger kann nach individuellem Ermessen und Möglichkeiten Geld, Zeit oder Ideen zur Verfügung stellen. Der Rentner stellt beispielsweise sein Wissen und seine Zeit in Projekten zur Verfügung, der Manager richtet unter dem Dach der Bürgerstiftung einen Fonds mit seinem Namen ein, der Notar übernimmt die rechtliche Betreuung, die Witwe gibt jeden Monat einen Euro, der Lehrer übernimmt ein Amt in einem der sehr basis- demokratisch ausgerichteten Gremien und der Schüler engagiert sich einmal im Jahr beim „Tag des Bürgerschaftlichen Engagements“. Es wäre für jeden Anspruch etwas dabei. Tatsächlich ist es bislang eher selten gelungen, eine ausgeglichene soziale Durchmischung der handelnden Akteure zu erreichen. Dies ist nicht verwerflich und spiegelt letztlich die Engagement-Struktur in Deutschland wider. Es bleibt in erster Linie die Mittelund Oberschicht, die sich engagiert. Für die Bürgerstiftung spricht jedoch, dass sie auf den Wandel im bürgerschaftlichen Engagement eine Antwort gibt: Sie bietet gleichzeitig ein Angebot für traditionellere Formen, wie Stiften, Spenden und Ehrenamt und reagiert auf die neuere Nachfrage nach ungebundenem projektbezogenen Engagement. Ebenso sind bei Bürgerstiftungen auch kleine Geldbeträge willkommen.

Vielfältig sind auch die Aktivitäten einer Bürgerstiftung. In der Regel wird der Stiftungszweck möglichst breit gewählt, um langfristig gut aufgestellt zu sein und auf (gesellschaftliche) Veränderungen reagieren zu können. Faktisch steigen viele Bürgerstiftungen mit sozialen und öffentlichkeitswirksamen Themen rund um Kinder und Jugendliche oder kulturellen Aufgaben ein. Hier können sie sicherlich spontaner, intuitiver und flexibler als die öffentliche Hand agieren.

Qualität von außen: Netzwerke und Gütesiegel
Den Initiativen hilft es, dass sie nicht allein sind. Der „Bundesverband Deutscher Stiftungen“ hat den „Arbeitskreis Bürgerstiftungen“ eingerichtet. Hier findet Erfahrungsaustausch statt. Der Bundesverband berät und unterstützt Gründungsinitiativen und laufende Stiftungsarbeit ebenso wie die „Aktive Bürgerschaft“, u.a. getragen von dem „Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken“, der sich um die Verbreitung der Bürgerstiftungsidee bemüht.

Seitens des „Bundesverbandes Deutscher Stiftungen“ wurden im Jahr 2000 zehn Merkmale einer deutschen Bürgerstiftung verabschiedet. Dazu zählen eine definierte geographische Ausrichtung ebenso wie die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements oder die Maßgabe, dass die Stiftung von mehreren Personen errichtet wird und als neutrale Instanz kontinuierlich Stiftungskapital aufbaut. Der Bundesverband vergibt für jeweils zwei Jahre ein Gütesiegel, wenn eine Bürgerstiftung die zehn Merkmale erfüllt. Dies zeigt, dass mit der Arbeit auch eine gewisse Anerkennung und Qualität einhergeht.

Grenzen
Das gemeinsame Vermögen von 180 Millionen Euro klingt zunächst einmal vielversprechend. Hinzu kommen Spenden und ehrenamtlich geleistete Arbeitszeit. Die Zahl ist aber zu relativieren. So arbeiten Stiftungen (abgesehen von Spenden) mit den Erträgen aus ihrem Kapitalstock, tasten also das tatsächliche Vermögen nicht an. Man geht davon aus, dass eine Bürgerstiftung dann langfristig überleben kann, wenn sie ein Stiftungsvermögen von ca. fünf Millionen Euro eingeworben hat. Damit lässt sich gut eine Geschäftsstelle mit Personal finanzieren, und es bleiben ausreichend Gelder, um in einem wahrnehmbaren Umfang Projekte umzusetzen. Davon sind die meisten Bürgerstiftungen in Deutschland noch sehr weit entfernt. Einige Bürgerstiftungen starten als unselbständige Stiftung, dies geschieht u.a., wenn ihr Startkapital unter 25 000 Euro liegt. Solche Initiativen setzen verstärkt auf eigene Projekte und ehrenamtliche Arbeit, um ihrem Stiftungszweck nachzugehen – und der Weg zu der Fünf-Millionen-Grenze ist noch länger und steiniger, aber nicht unbegehbar.

Letztlich handeln die Akteure von Bürgerstiftungen in einem öffentlichen Raum. Für bestimmte Projekte benötigen sie Partner, z.B. auch die öffentliche Hand, sei es für eine Genehmigung, die Nutzung bestimmter Räumlichkeiten oder den Wissensaustausch. Nicht jeder Politiker oder Verwaltungsmitarbeiter ist gleichermaßen angetan von dem Elan und dem Enthusiasmus engagierter Menschen. So sieht sich der Politiker zunächst einmal demokratisch legitimiert – aber wer legitimiert die Bürgerstiftung und ihre Projekte? Der Mitarbeiter im Sozialamt z.B. kann auf eine Ausbildung in seinem Arbeitsfeld und jahrelange Berufserfahrung zurückblicken – aber mit welcher Erfahrung, will z.B. ein Jurist wissen, was ein Kind aus einer sozial schwachen Familie dringlich benötigt? Wie also umgehen mit jenen Bürgern, die sicherlich alles gut meinen, aber nicht automatisch gut machen?

Die Herausforderungen
Zweifellos: In den deutschen Bürgerstiftungen wird viel bewegt, angestoßen und umgesetzt. Tatsache ist, dass manch eine Kommune diesen engagierten Bürgern zunächst einmal etwas ratlos gegenübersteht. Die Generierung von Themen und Projekten unterliegen einer eigenen Logik und sind nicht selten von Zufällen geprägt. Dies bedeutet, dass Akteure in einer Bürgerstiftung selten strategisch ihre Projektentwicklung angehen. Sie verstehen sich zwar als Multiplikatoren und versuchen durch Wettbewerbe, Dialoge, Arbeitskreise etc. ein breites Stimmungsbild zu erfassen, sie werden aber nicht zwangsläufig dort aktiv, wo besonders großer Handlungsbedarf entsteht. Dies ist aber auch nicht ihre Aufgabe und entspricht gänzlich der Handlungslogik der Zivilgesellschaft, die Aufgaben nicht dort übernimmt, wo etwas wegbricht oder fehlt, sondern vor allem dort, wo subjektiv ein Problem oder Thema wahrgenommen wird. Anders als die öffentliche Hand müssen sie sich dabei kaum rechtfertigen, wenn womöglich ein Projekt nicht gut läuft oder wegbricht, denn sie haben es ja freiwillig, zusätzlich und ohne Auftrag angeboten. Dies kann natürlich zu Konkurrenzen und Konflikten führen, zumal bei Problemen dann nicht selten nach der öffentlichen Hand gerufen wird. Die Zivilgesellschaft kann auf Dinge reagieren – die öffentliche Hand muss es. Hier fehlt es zuweilen an Sensibilität und Verständnis für die Lage des jeweils anderen. Zweifellos: In den deutschen Bürgerstiftungen wird viel bewegt, angestoßen und umgesetzt. Tatsache ist, dass manch eine Kommune diesen engagierten Bürgern zunächst einmal etwas ratlos gegenübersteht. Die Generierung von Themen und Projekten unterliegen einer eigenen Logik und sind nicht selten von Zufällen geprägt. Dies bedeutet, dass Akteure in einer Bürgerstiftung selten strategisch ihre Projektentwicklung angehen. Sie verstehen sich zwar als Multiplikatoren und versuchen durch Wettbewerbe, Dialoge, Arbeitskreise etc. ein breites Stimmungsbild zu erfassen, sie werden aber nicht zwangsläufig dort aktiv, wo besonders großer Handlungsbedarf entsteht. Dies ist aber auch nicht ihre Aufgabe und entspricht gänzlich der Handlungslogik der Zivilgesellschaft, die Aufgaben nicht dort übernimmt, wo etwas wegbricht oder fehlt, sondern vor allem dort, wo subjektiv ein Problem oder Thema wahrgenommen wird. Anders als die öffentliche Hand müssen sie sich dabei kaum rechtfertigen, wenn womöglich ein Projekt nicht gut läuft oder wegbricht, denn sie haben es ja freiwillig, zusätzlich und ohne Auftrag angeboten. Dies kann natürlich zu Konkurrenzen und Konflikten führen, zumal bei Problemen dann nicht selten nach der öffentlichen Hand gerufen wird. Die Zivilgesellschaft kann auf Dinge reagieren – die öffentliche Hand muss es. Hier fehlt es zuweilen an Sensibilität und Verständnis für die Lage des jeweils anderen.

Nachhaltig und erfolgreich wird eine Bürgerstiftung dann, wenn sie mit allen lokalen Akteuren, und damit auch mit der Verwaltung und Politik, zusammenarbeitet und Vertreter dieser Professionen gerne in ihren Gremien und Projekten sieht (solange sie keine dominierende Rolle einnehmen). Dies beugt Missverständnissen, Enttäuschungen und möglicherweise kontraproduktiven Aktionen vor und stärkt das Verständnis füreinander. Eine Bürgerstiftung kann die Lebensqualität vor Ort zweifellos bereichern, Engagement generieren und neue Akzente setzen, aber sie kann dies meist nicht allein und sie kann vor allem aus Haushaltsengpässen wegfallende Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge nicht (dauerhaft) ersetzen. Das gegenseitige Ziel sollte ein Austausch und Agieren auf Augenhöhe miteinander sein. Erfreulicherweise gibt es hierfür eine Reihe vielversprechender Ansätze und Beispiele – die Regel ist es noch nicht.

Tipps zum Weiterlesen:

  • Becker, Elke/Wolf, André- Christian (1999): Stiften findet Stadt. Eine Arbeitshilfe zum Aufbau einer Bürgerstiftung, Bonn.
  • Becker, Elke (2005): Bürgerstiftungen in der Kommune, in: Nährlich, Stefan/Graf Strachwitz, Rupert/Hinterhuber, Eva-Maria/Müller, Karin (Hrsg.): Bürgerstiftungen in Deutschland, Wiesbaden, S. 195-212.
  • Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS)/Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen (BBR) (Hrsg.) (2010): Miteinander Stadt Entwickeln, Bonn.
  • Aktive Bürgerschaft (2011): Länderspiegel Bürgerstiftungen. Fakten und Trends 2011, Berlin.
  • Initiative Bürgerstiftungen (2011): Märzumfrage der Initiative Bürgerstiftung, (Homepage der Initiative Bürgerstiftung).

Im Jahr 2011 wurde im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik erstmals ein Bürgerstiftungspreis vom BMVBS ausgelobt. 15 Bürgerstiftungen wurden bundesweit ausgezeichnet.

Dr.-Ing. Elke Becker
Telefon: 030/39001-149
E-Mail: ebecker@difu.de

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