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Difu-Berichte 2/2006 - Forschungsverbund "Stadt 2030": ein Resümee

Stadt 2030Von 2000 bis 2005 hat das Deutsche Institut für Urbanistik den BMBF-Forschungsverbund "Stadt 2030" wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Die Ergebnisse werden ab Juni 2006 in einer fünfbändigen Publikationsreihe beim "Verlag für Sozialwissenschaften" vorliegen. Dies gibt Anlass für einen Rückblick auf dieses anspruchsvolle und umfangreiche Forschungsvorhaben aus Sicht der Begleitforschung.

21 Projekte waren aus einem bundesweiten Wettbewerb zur Teilnahme am Forschungsverbund "Stadt 2030" ausgewählt worden. Ziel der Auswahl war es einerseits, möglichst alle aktuellen und zukunftsrelevanten Problemkonstellationen der deutschen Stadtentwicklung zu repräsentieren, zum anderen möglichst unterschiedliche, divergierende Ansätze von Zukunftslösungen, Visionen oder Konzepten in dem Verbund zu versammeln. Die auf diese Weise erreichte Heterogenität des Verbundes schließt pauschale, summarische Aussagen der Begleitforschung zur Zukunft der deutschen Städte aus. Darüber hinaus war es nicht Aufgabe der Begleitforschung, gleichsam im Sinne eines "22. Projektes" zu sagen, wie die deutschen Städte im Jahr 2030 aussehen werden oder aussehen sollten. Die Begleitforschung trifft also von sich aus keine Stadtentwicklungsaussagen oder Zielsetzungen, sondern interpretiert ausschließlich Problemstellungen, Zielvorstellungen oder Entwicklungsverfahren, wie sie von den 21 beteiligten Projekten aufgeworfen oder vorgeschlagen wurden.

1. Rahmenbedingungen, Herausforderungen, zentrale Themen

Alle Projekte waren zwar mit der Wettbewerbsausschreibung gehalten, "ganzheitliche" Entwicklungskonzepte vorzustellen und zu erarbeiten, da aber die moderne Stadt sowohl durch Verflechtungen in der Region als auch durch interne Fragmentierungen der politischen Akteure oder der Einwohnerstruktur kaum als eine solche Ganzheit zu fassen ist, konzentrieren sich die Projekte in der Regel auf bestimmte zentrale Herausforderungen. Als solche dominieren: der demographische Wandel im Sinne einer schrumpfenden Bevölkerung oder gar "schrumpfenden Gesellschaft" (Franz-Xaver Kaufmann); der ökonomische Wandel im Sinne eines Übergangs zur Dienstleistungsgesellschaft und einer wachsenden Konkurrenz zwischen Städten um Wirtschaftswachstum in der Dienstleistungsökonomie; der ökologische Wandel im Sinne einer Verknappung von Basisressourcen; der Wertewandel im Sinne zunehmender Individualisierung und "Entbettung" (Anthony Giddens) des Einzelnen, also der Ablösung von traditionellen Bindungen an Orte und informelle soziale Zusammenhänge. Diese Herausforderungen werden von den 21 Projekten zu drei zentralen Problemkonstellationen verdichtet: Integration, Identität und Regionalisierung, die als Gliederungskategorien des Verbundes eingesetzt wurden.

21 ausgewählte Förderstädte
  Integration Identität Regionalisierung
Großstädte (mehr als 250.000 Einwohner)
wachsend oder konsolidiert Stuttgart München   Karlsruhe
schrumpfend oder im Strukturwandel Bremen Leipzig Mönchengladbach Braunschweig Städteregion Ruhr
Mittelstädte (50.000 bis 250.000 Einwohner)
wachsend oder konsolidiert Esslingen Erlangen  
schrumpfend oder im Strukturwandel Saarbrücken Kiel Görlitz/ Zgorzelec Gießen/Wetzlar
Kleinstädte (weniger als 50.000 Einwohner)
wachsend oder konsolidiert Dietzenbach Günzburg Schkeuditz
schrumpfend oder im Strukturwandel   Guben/Gubin Eisenhüttenstadt Beeskow Schwalm-Eder-West

2. Das Problem "Zukunft"

Die Interpretation der Einzelprojekte durch die Begleitforschung richtete sich nun weniger auf diese zentralen Problemkonstellationen, die zur Strukturierung des Forschungsverbundes systematisiert wurden, sondern auf das Problem "Zukunft", das den Ansatzpunkt des Verbundes bildete. Planung bezieht sich zwar prinzipiell immer auf Zukunft, bei größerer zeitlicher Reichweite werden aber deren Implikationen deutlich, die sich in zwei Gegensatzpaaren ausdrücken lassen. Zum einen sind Zukunftsvorstellungen vom Gegensatz zwischen faktischem, empirisch gestütztem Wissen und Wertungen geprägt. Faktisches Wissen drückt sich in Prognosen aus, die zwar insgesamt mit wachsender zeitlicher Reichweite an Unschärfe zunehmen, deren Fehlerwahrscheinlichkeit aber vom prognostizierten Gegenstand abhängt.

Solchen wissensbasierten Prognosen stehen Wertungen gegenüber, die sich auf ein "Sollen" von Zukunft und damit auf alle prognostischen Aussagen beziehen. Seit mit dem Ende des so genannten "Planungsoptimismus" deutlich ist, dass sich Zukunft nicht als evolutionärer Forstschritt vollzieht, sondern jede Art zum Beispiel von technischem "Fortschritt" mit Nebenfolgen verbunden sein kann, die Fortschrittsgewinne aufzehren, steht Planung vor der Notwendigkeit, "reflexiv" zu werden, also für jede Zielformulierung die denkbaren Nebenfolgen zu kalkulieren und zu bewerten. Ein Anspruch, dem durch Szenarien als Planungsverfahren begegnet werden kann, wie es eine Reihe von Projekten des Forschungsverbundes auch praktiziert.

Der Ambivalenz von Wissen und Wertung in jeder Zukunftsvorstellung entspricht der Gegensatz von Zielformulierungen und Verfahren als Wege in die Zukunft. Hier zeigen sich die größten Gegensätze zwischen den Einzelprojekten. Während einige aus professionellem Wissen, ausgedrückt in entsprechenden Prognosen, Ziele definieren, für die - strategische - Um- oder Durchsetzungsverfahren gesucht werden, setzen andere ausschließlich auf - kommunikative - Verfahren und verzichten auf konkretisierte Entwicklungsziele. Da diese Verfahren als konsensgetragene Zielfindungen zwischen Akteuren der Stadtentwicklung oder in einer breiteren Öffentlichkeit angelegt werden, lassen sich "strategische" Projekte, die eine professionell, auf Faktenwissen gestützte Zielsetzung verfolgen, von "kommunikativen" Projekten unterscheiden, in denen die Etablierung von Kommunikation die Richtigkeit und Vernünftigkeit von Planungsschritten garantieren soll.

3. Zukunft als Kontinuität oder Bruch

Die genannten Rahmenbedingungen zukünftiger Stadtentwicklung lassen es allen Projekten als wahrscheinlich erscheinen, dass der Weg in die Zukunft der Städte von einem mehr oder weniger eklatanten Bruch geprägt sein wird. Dieser Bruch kann aus Sicht der Kommunen als die latente Auflösung des "sozialstaatlichen Konsenses" bestimmt werden. Aus Sicht der Kommunen bedeutet dies eine Gefährdung des sozialen Gleichheitsgebotes als primäres Politikziel und kommunaler Politikautonomie als Prämisse politischen Handelns. In den zentralen Problemkomplexen "Integration", "Regionalisierung" aber auch "Identität" äußert sich dieser latente Bruch als Zukunftsherausforderung auf der Ebene der Einzelprojekte. Trotz der prognostizierbaren Fakten, die diese Diskontinuität nahe legen, ist eine Distanzierung vom sozialstaatlichen Konsens nicht unausweichlich, sondern Gegenstand von politischer Wertung, die sich in unterschiedlichen Reaktionsmöglichkeiten äußert.

4. Reaktionen auf den latenten Bruch des sozialstaatlichen Konsenses

In relativ deutlicher Unterscheidung zeigen sich bei den 21 Einzelprojekten des Forschungsverbundes "Stadt 2030" drei unterschiedliche Reaktionen, die die Zukunftsvorstellungen bestimmen: erstens ein Reformmodell, nach dem durch räumliche und institutionelle Anpassungen die zentralen Normen wohlfahrtsstaatlicher Kommunalpolitik gewahrt werden sollen; zweitens ein Revisionsmodell, in dem zumindest in der Tendenz von diesen Normen abgerückt wird; und drittens ein "Alternativmodell", in dem neue Formen der Leistungsproduktion jenseits staatlicher oder kommunaler Formalisierung und kommunalpolitischen Autonomie gesucht werden, um den Normen wohlfahrtstaatlicher Politik "jenseits von Markt und Staat" gerecht zu werden. Die Tabelle zeigt ohne weitere Begründungen und Erklärungen die Verteilung der Einzelprojekte auf diese drei Grundmodelle von Zukunftsorientierung im Sinne einer Reaktion auf einen prognostisch zwar nahe liegenden, dennoch aber wertungsabhängigen Wandel kommunaler Politiknormen.

Reformmodell "Europäische Stadt" Revisionsmodell "Stadt als Unternehmen / Identität in der kommunalen Konkurrenz" Alternativmodell "Neue Bürgerstadt" / "Neue Urbanität"
  • Region Braunschweig
  • Esslingen
  • München (im verkehrswissenschaftlichen Teil)
  • Karlsruhe
  • Leipzig
  • Stuttgart
  • Saarbrücken
  • Schwalm-Eder-West
  • Städteregion Ruhr
  • Schkeuditz
  • Wetzlar / Gießen
  • Beeskow
  • Eisenhüttenstadt
  • Erlangen
  • Günzburg
  • Guben/Gubin
  • Kiel
  • Mönchengladbach
  • Bremen
  • Dietzenbach
  • Görlitz/ Zgorzelec
  • München (im quartierswissenschaftlichen Teil)
10 / 11 Projekte 7 Projekte 3 / 4 Projekte

5. Forschungsfragen zukunftsorientierter Stadtforschung

Es war Aufgabe der Begleitforschung neben einer systematischen Interpretation der Projekte im Forschungsverbund zumindest Hinweise auf zukunftsrelevante kommunalpolitische Forschungsfragen zu entwickeln. Neben den anfangs genannten Rahmenbedingungen von Kommunalpolitik und Stadtentwicklung - demographischer, ökonomischer, ökologischer und Wertewandel -, die auf weitere Sicht Forschungsgegenstände darstellen müssen, stellen sich spezifische Fragen kommunaler Politik. Vorrangig scheint das Problem der Fragmentierung - des städtischen Raumes durch Auflösung urbaner Grenzen, der städtischen Gesellschaft durch Heterogenisierung der Bevölkerung und der kommunalpolitischen Akteure durch Privatisierung oder Liberalisierung - als Forschungsfrage drängend zu sein.

6. Hinweise für kommunale Zukunftsprozesse

Eine dritte Auswertungsaufgabe der Begleitforschung bestand in der Entwicklung von Hinweisen für kommunale Zukunftsprozesse. Die erste Empfehlung liegt bereits in der Begrifflichkeit. Es scheint eher sinnvoll, von "Zukunfts-" und nicht von "Leitbildprozessen" zu sprechen, da eine ganze Reihe von Projekten plausible Einwände gegen den Leitbildbegriff vorbringt. Vor allem aber mag neben zahlreichen anderen Hinweisen, die aus "Stadt 2030" gewonnen werden können, eine Empfehlung entscheidend sein: Neben einer klaren zeitlichen Begrenzung eines solchen Leitbildprozesses erscheint es dringend empfehlenswert, ihn nicht auf mehr oder weniger offene, unstrukturierte Diskussionsveranstaltungen in einer "diffusen" Öffentlichkeit, sondern auf Modellprojekte zu stützen, in denen exemplarisch von allen Beteiligten gehandelt werden kann. Diese Modellprojekte sollen real-materielle aber auch symbolische Bedeutung entfalten, um den Willen einer Kommune zu einer Zukunftsorientierung über die Zeit des engeren Zukunftsprozesses hinaus zum Ausdruck zu bringen. Der Zukunftsprozess selber sollte eine Sondersituation darstellen, um außergewöhnliche Kräfte für einen kreativen Aufbruch in die Zukunft freizusetzen.

Weitere Informationen: 

Dr. rer. pol. Albrecht Göschel (Autor)
Dr. rer. pol. Stephanie Bock; Telefon: 030/39001-189; E-Mail: bock@difu.de
Dr. rer. soc. Bettina Reimann; Telefon: 030/39001-191; E-Mail: reimann@difu.de

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