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Difu-Berichte 2/2000 - Europäische Stadtgeschichtsforschung

Neues Themenheft der "Informationen zur modernen Stadtgeschichte (IMS)"

In der aktuellen urbanistischen Debatte wird davon ausgegangen, dass es ein europäisches Stadtmodell mit einer Reihe von Gemeinsamkeiten und Strukturähnlichkeiten gibt. Diese erlauben, die europäische Stadt als einen eigenen Typ von der asiatischen Stadt oder der in erster Linie durch "urban sprawl" geprägten amerikanischen Stadt abzugrenzen. So ist es dem urbanen Europäer möglich, sich auch in unbekannten Städten relativ rasch zu orientieren, da er deren Grundstruktur auf bekannte Strukturen beziehen kann und daher die Städte als anders, aber kulturell verwandt empfindet.

Warum sind derzeit Debatten über das europäische Stadtmodell von solchem Interesse für die am Diskurs über die Zukunft der Stadt Beteiligten? Wo liegen heute die Krisen- und Gefährdungsmomente der Städte in Europa? Und was kann die Stadtgeschichte zu dieser Debatte beitragen? Dieter Schott, Professor für Geschichte der Stadtplanung an der Universität Leicester/Großbritannien, beschreibt in seinem Leitartikel für das neue IMS-Themenheft, dass die im wesentlichen von Architekten, Stadtplanern und Soziologen geführte Debatte das Thema Stadtgeschichte oft in beliebiger Weise benutzt. Nur selten werde ausgeführt, auf welche Art von europäischen Städten man sich in welcher Periode als Vorbild bezieht. Dieter Hoffmann-Axthelm etwa nennt als Vorbild für ökologisches Handeln die vorindustrielle Stadt des 18. und frühen 19. Jahrhunderts und handelt sich damit von Sozialhistorikern wie Jürgen Kocka den Vorwurf ein, er missachte die mangelnde demokratische Partizipation, die extrem hierarchische Sozialstruktur sowie die Tendenz zu scharfer Abgrenzung und Fernhaltung unerwünschter Zuwanderer in diesen Gemeinwesen. Andere Autoren beziehen sich positiv auf die planerische und stadttechnische Leistung der sich industrialisierenden Bürgerstadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, jedoch ohne zu reflektieren, dass die hohe administrative Effizienz dieser Städte auf der Grundlage einer nur rund zehn bis 15 Prozent der Einwohner beteiligenden Elitendemokratie erfolgte. Häufig begegnet man auch stereotypen Raumbildern, etwa der Vorstellung von einer klaren und scharfen Abgrenzung zwischen Stadt und Land an der Stadtmauer, während die Stadtarchäologie und Denkmalpflege mittlerweile an vielen Beispielen bewiesen hat, dass diese Schärfe nur Resultat einer vorübergehenden Phase, nämlich des frühneuzeitlichen Festungsbaus, war und dass bildliche Darstellungen, die diese klare Abgrenzung zu untermauern scheinen, auch quellenkritisch interpretiert werden müssen.

Aber auch den Anhängern der "Netz-Stadt" lässt sich mangelndes historisches Bewusstsein vorwerfen, wenn sie offenbar von einer fortdauernden Expansion des Siedlungsraumes, von einer völligen Dominanz ökonomischer Prozesse ausgehen. Wer sich mit den "Eisenbahn-Debatten" aus der Mitte des letzten Jahrhunderts oder mit der Wahrnehmung schärfster, geradezu sozialdarwinistischer Städtekonkurrenz Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigt hat, dem kommen die Argumentationsweisen der heutigen Standortdebatten und Globalisierungsdiskurse merkwürdig bekannt vor, auch wenn sie sich teilweise anderer Begriffe bedienen. Und gegenüber linearen Extrapolationen aktueller Entwicklungstrends bietet die europäische Stadtgeschichte ein reichhaltiges Reservoir von Beispielen für Brüche, Diskontinuitäten und deren Verarbeitung, dafür, wie Städte und Stadtgesellschaften mit Expansion, Stagnation und Kontraktion produktiv umgegangen sind, wie es gelang oder misslang, zentrifugale soziale und bauliche Tendenzen wieder ins städtische Raum- und Sozialgefüge zu integrieren. Schließlich wurden auch Geschlechtertürme in den italienischen Renaissance-Städten seinerzeit zerstört, wurden allzu machtbewusste Patrizier gezwungen, ihre Prunkfassaden in Dekor und Maßstäblichkeit stadtüblich einzupassen.

Die neue IMS-Ausgabe ist mit ihrem Themenschwerpunkt ausgerichtet auf den in diesem Sommer (30.8.-2.9.2000) an der Technischen Universität Berlin stattfindenden Kongress der European Association of Urban Historians zum Thema "European Cities: Networks and Crossroads". Neben dem Leitartikel liefert die exemplarische Buchbesprechung anregende Überlegungen: Der Soziologe Dirk Kaesler beschäftigt sich aus Anlass der Neuausgabe der Werke von Max Weber mit der fortwirkenden Bedeutung von dessen Essay über die Stadt. Des weiteren wird in einer Reihe von Selbstdarstellungen über Zentren und Aktivitäten der Stadtgeschichtsforschung in verschiedenen europäischen Ländern berichtet. Das IMS-Heft enthält daneben weiterhin zahlreiche aktuelle Berichte und Informationen zur modernen Stadtgeschichte, insbesondere die regelmäßig fortgeführte Auswahlbibliographie neuer stadtgeschichtlicher Literatur.

Weitere Informationen: 

Klaus-Dieter Beißwenger; Tel. 030/39001-282; E-Mail: beisswenger@difu.de
 

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