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Difu-Berichte 1/2010 - Bildung – kommunale Last oder Lust?

Wer sich aktuell mit dem Thema Bildung beschäftigt, kommt insbesondere an zwei Aspekten nicht vorbei:

Bildung beginnt nicht erst in der Schule
Ausgangspunkt der schon länger anhaltenden Bildungsdebatte waren die PISA-Studien, die deutschen Schülerinnen und Schülern und damit auch dem deutschen Bildungswesen keineswegs Bestnoten bescheinigten, sondern sogar darauf aufmerksam machten, dass das deutsche Bildungssystem soziale Ungleichheit produziert und sogar verstärkt. In der fortwährenden Debatte über Aufgaben, Inhalte und Defizite des Bildungswesens ist seitdem eine verstärkte Hinwendung zu Fragen der Qualität des Bildungssystems und zur Chancengerechtigkeit festzustellen. Viele dieser Fragen stecken bis heute in einem Dickicht unterschiedlicher, teils gegensätzlicher Antworten und Positionen fest. Zu den einheitlich getragenen überzeugungen gehört jedoch die Einsicht, dass die Bildungswege von Kindern früh, d.h. noch vor Schuleintritt, beginnen und für eine erfolgreiche Bewältigung einzelner Bildungsschwellen eine möglichst früh einsetzende und professionelle Förderung nötig ist.

Kommunale Angebote bestmöglich vernetzen, damit Bildungsprozesse und -übergänge gelingen
Als ein weiterer Gegenstand der aktuellen Bildungsdebatte zeichnet sich die Hinwendung zu Konzepten eines kommunalen Bildungsmanagements ab. Kommunen haben einen direkten sozialräumlichen Bezug zu allen Bildungsbeteiligten und -prozessen und sind gleichzeitig selbst Träger vieler Bildungseinrichtungen. Mit dem Begriff „kommunale Bildungslandschaften“ verbinden sich deshalb die überlegungen in Richtung einer kleinräumlichen, zielgerichteten Ressourcensteuerung, die alle Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsbereiche einschließt.

Bildung – ein kommunales „Top-Thema“
Bildung ist gegenwärtig, auch in Verbindung mit Familienbildung, ein so genanntes Top- Thema, sowohl unter entwicklungspsychologischen Aspekten als auch mit Blick auf den übergang von Kindern in weiterführende Bildungseinrichtungen. Dies fängt im Bereich der frühkindlichen Bildung an.

Geprägt von dem Bewusstsein, dass eine umfangreiche frühe Förderung von Kindern bessere Zukunftschancen eröffnet, existiert bei Eltern zunehmend eine hohe Erwartungshaltung, wie Kindertageseinrichtungen ihren Bildungsauftrag in der Praxis umsetzen sollten. Umgekehrt sehen sich viele Fachkräfte unter Druck, diese neuen Anforderungen kreativ aufzunehmen. Die Kommunen sehen sich in die Pflicht genommen, neben dem (gesetzlich festgeschriebenen) quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung nun auch die qualitativen Aspekte der Kindertagesbetreuung stärker als bisher berücksichtigen zu müssen. Schon aufgrund fehlender Ressourcen sieht sich so manche Kommune vor die Frage gestellt, wie sie diese Herausforderung (gut) bewältigen kann. Bei der sich anschließenden Frage nach den übergängen haben insbesondere Schulen eine Schlüsselposition, da dort nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch soziale und kommunikative Kompetenzen erlernt und umgesetzt werden sollen. Ganz besonders gilt dies für Schulen in benachteiligten Stadtteilen und problembelasteten Quartieren, wo sich die öffnung von Schulen als besonders wichtig erweist, damit Kinder den übergang in weiterführende Schulen und Jugendliche den übergang von der Schule in den Beruf erfolgreich bewältigen und eine Perspektive für ihre Zukunft erkennen können. Sich anzustrengen muss und soll sich lohnen. Dass dies möglich ist, hat die Rütli- Schule in Berlin-Neukölln bewiesen. Auch wenn ein vorangehender Warnruf der Lehrerinnen und Lehrer sowie lang anhaltende Bemühungen von einem ganzen Netzwerk engagierter Kooperationspartner anschließend nötig waren und sind, vor allem wenn es darum geht, Nachhaltigkeit zu „erzeugen“. Dennoch könnte dieses Beispiel Schule machen – gerade weil es berücksichtigt, was die moderne Bildungsforschung schon länger weiß:

Bei (früh)kindlichen Bildungsprozessen ist die Qualität sozialer Interaktion entscheidend
Diese Position vertritt einer der führenden Frühpädagogen Deutschlands, Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis, der als Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen lehrt. Er macht seit vielen Jahren darauf aufmerksam, dass die Bildungssysteme heute aufgrund eines paradigmatischen Wechsels vor einer Difu-Berichte 1/2010 3 der größten Herausforderung in ihrer Geschichte stehen: Standen bisher die Weitergabe von Wissen und die Orientierung auf den Beruf und das Leben im Mittelpunkt von Bildung, sind mittlerweile die Stärkung der Kompetenzen des Kindes und die Entwicklung eines stabilen Selbstbewusstseins in den Vordergrund gerückt. Der entscheidende Bildungsort für Kinder findet sich (damit) vor allem in modernen Familienkonstellationen. Eine Vernetzung von Familien mit anderen Bildungsinstitutionen, deren Fachkräften und Bildungsorten sowie die Entwicklung von lernmethodischen Kompetenzen ist deshalb ausschlaggebend für den Erfolg des weiteren Bildungsverlaufs. Kinder sollten hierdurch die Chance erhalten, über die verschiedenen Bildungsstufen hinweg ein positives Lebenskonzept entwickeln zu können. Dies hat Rückwirkungen auf die Ausbildungsinhalte pädagogischer Berufe und bedeutet mehr als bisher lernmethodische und reflexive Kompetenzen zu vermitteln und die persönliche „Widerstandsfähigkeit“ der Studierenden zu stärken.

öffnung von Schulen – stadtteilbezogene Strategien sind notwendig
Bei der Entwicklung stadtteilbezogener Strategien zur ganzheitlichen Verbesserung des Lebensumfeldes von problembelasteten Quartieren hat das Difu in den vergangenen Jahren im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ vielfältige Erfahrungen gesammelt und Integrationsprozesse angestoßen und moderiert. Der Bereich der „Schulöffnung“ gehört dazu und bedeutet konkret, dass sich Schulen sowohl nach innen für neue Formen, Methoden und Inhalte des Unterrichts als auch nach außen zum Stadtteil hin öffnen und die Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendhilfe, Unternehmen, Vereinen, Verbänden und anderen lokalen Akteuren intensivieren und verbindlicher gestalten. Um dies zu erreichen, wurden in der Vergangenheit von den Schulen oft eigene innovative sozialräumliche Strategien und Schulkonzepte entwickelt. Diese richten sich auf den sozialen Einzugsbereich der Schüler, ergänzen den Unterricht und werden aus den Anforderungen, Erwartungen und Bedürfnissen vor Ort abgeleitet. Dazu gehören u.a. Schulsozialarbeit, Nachmittagsbetreuung, Gesundheitsförderung, Gewaltprävention, Elternarbeit, Sprachförderung sowie Angebote im kulturellen und sportlichen Bereich. Um Schule zu einem wirklichen soziokulturellen Zentrum im Stadtteil zu machen, können ihre Räumlichkeiten darüber hinaus auch außerhalb der Unterrichtszeiten durch lokale Initiativen, Vereine und Bewohnergruppen genutzt werden, als Orte der Begegnung, Kommunikation und Integration im Stadtteil.

Fachtagung „Tausendmal Warum“: Das Difu macht Bildung zu seinem Thema
Mit der Fachtagung „Tausendmal warum? Verspieltes Wissen?! Verbesserung der Bildungsqualität in vorschulischen Einrichtungen“, die am 14. und 15. Januar 2010 in Kooperation mit dem Deutschen Städtetag, der Deutsche Telekom Stiftung und der Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe stattfand, hat das Difu einen Anfang gemacht, sich intensiver mit der Bildungsthematik auseinanderzusetzen. Prof. Dr.-Ing. Klaus-J. Beckmann, Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik, Berlin, Verena Göppert, Beigeordnete, Leiterin des Dezernates Arbeit, Jugend und Soziales des Deutschen Städtetages (DST), Berlin und Dr. Gerd Hanekamp, Leiter Programme der Deutsche Telekom Stiftung, waren sich in ihren Statements einig, dass nicht nur über Quantitäten, also vor allem über den notwendigen Ausbau der Einrichtungen diskutiert werden muss, sondern in erster Linie über die Qualität der Kindertagesbetreuung. Die Kommunen haben hier zwar schon sehr viel geleistet, beispielsweise im Bereich der Sprachförderung. Dennoch liegt eine zentrale und wachsende Herausforderung darin, Kindern in der Kita Spaß am Wissenserwerb zu vermitteln, da dieser dazu beiträgt, den übergang zur Schule bestmöglich vorzubereiten, die Kinder bei diesem übergang sowie später in weiterführende Schulen zu begleiten und ihre Lernmotivation zu erhalten. Dafür kann und sollte bereits in der Kita ein gutes Fundament gelegt werden. Wie das geleistet werden kann, dafür gibt es in der Praxis eine Menge gelungener Beispiele. Aber Breitenwirkung und Nachhaltigkeit sind wichtig und nicht umsonst zu haben! Deshalb bleibt in diesem Kontext noch eine Menge zu tun:

„Wir“ wissen, was zu tun ist, aber können die Kommunen das auch leisten?
Mit dieser Frage sind zentrale Aspekte verbunden:

  • Nachhaltigkeit von Bildungsinvestitionen,
  • Balance zwischen Quantität und Qualität in der Kindertagesbetreuung,
  • Professionalisierung von Fachkräften,
  • Elternarbeit und
  • Ressourcenbündelung.

Das Deutsche Institut für Urbanistik als Institution für Städte im Sinne der Städte wird seine Arbeit auf diesen Feldern künftig weiter intensivieren, beispielsweise durch zusätzliche Angebote des Erfahrungsaustauschs.

Tipps zum Weiterlesen:

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung — BMBF (Hrsg.). Strätz, Rainer u.a.
    Bildungshäuser für Kinder von drei bis zehn Jahren. Expertise.
    Berlin (2009); 145 S.; Abb., Tab., Lit.
  • Haller, Siegfried.
    Entwicklung der Kommunalen Bildungslandschaft in Leipzig.
    In: Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Berlin: Selbstverl.; 90 (2010); Nr. 1; S. 47-51; ISSN 0012-1185
  • Fthenakis, Wassilios E.; Oberhuemer, Pamela (Hrsg.).
    Frühpädagogik international. Bildungsqualität im Blickpunkt.
    2. Aufl. Wiesbaden: Verl. für Sozialwissenschaften (2010); 408 S.; Lit.; ISBN 978-3-531-17234-7
Weitere Informationen: 

Dipl.-Soz. Kerstin Landua
Telefon: 030/39001-135/136
E-Mail: landua@difu.de