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Difu-Berichte 2/2006 - Städte für alle: über visionären und machbaren Städtebau

Städte für alle - über visionären und machbaren Städtebau

Martin Neuffer und Rudolf Koldewey

 Martin Neuffer und Rudolf Koldeway

"Städte für alle" - über visionären und machbaren Städtebau: Martin Neuffer und Rudolf Koldeway

Unter dem Titel "Städte für alle - über visionären und machbaren Städtebau" fand im Juni 2005 in Hannover ein Symposium statt, das die Arbeit der beiden ehemaligen Oberstadtdirektoren Martin Neuffer und Rudolf Koldewey würdigte und die unterschiedlichen, aber letztlich unerlässlich zusammenwirkenden Vorstellungen von Städtebau und Stadtentwicklung sowie deren Bezüge zu aktuellen Entwicklungen thematisierte. Das Symposium wurde gemeinsam von der Landeshauptstadt Hannover und dem Deutschen Institut für Urbanistik durchgeführt. Martin Neuffers visionäre Vorstellungen vom Städtebau, vor allem dokumentiert in seinem wohl bekanntesten Buch "Städte für alle", und Rudolf Koldeweys Bemühungen, den Städtebau in Hannover auf das Machbare zu konzentrieren, lieferten auch die Anregung für den Titel des Symposiums.

In den Einzelbeiträgen dieser Dokumentation werden Städtebau und Stadtentwicklung aus höchst unterschiedlichen Perspektiven - aber immer mit Bezug zu den damaligen Hauptakteuren Neuffer und Koldewey - reflektiert und an aktuellen Problemlagen und Handlungsrationalitäten gespiegelt. Neue Sichtweisen auf Stadt und Region, alte Probleme großer Projekte, die bis heute nachwirken, neue Herausforderungen und Anforderungen der Stadtpolitik, Schwierigkeiten einer Reformpolitik in den Kommunen sowie die Glaubwürdigkeit öffentlichen (kommunalen) Handelns steckten den Rahmen der Veranstaltung ab.

Oberbürgermeister Dr. Herbert Schmalstieg hob einerseits das Moderne, bis heute Gültige an Neuffers visionären Vorstellungen vom humanen Städtebau (sozial orientiert, Kunst im öffentlichen Raum, maßstäblich, Verdichtung in der Stadt, um einer Zersiedlung entgegenzuwirken) hervor. Andererseits dürften aber auch die Technik-Gläubigkeit und daraus resultierende Vorstellungen, städtebauliche Probleme vor allem technisch zu lösen (Experimentalstadt am Kronsberg; Großprojekt Passarelle), mit bis heute nicht geheilten "Wunden" nicht vergessen werden. Rudolf Koldewey war in der Zeit nach Neuffer der "Konsolidierer", ohne aber dessen Grundanliegen eines humanen Städtebaus aus den Augen zu verlieren. Nicht nur in Hannover wurden die "Grenzen des Wachstums" diskutiert, mussten große Siedlungsprojekte an veränderte Rahmenbedingungen angepasst und neue Maßstäbe berücksichtigt werden. Ohne das professionelle Verwaltungshandeln von Koldewey wäre dies sicher nicht problemlos abgelaufen.

Prof. Dr. Heinrich Mäding, Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik, zeichnete aus der Sicht der Stadtforschung ein aktuelles Bild der Herausforderungen für die Stadtpolitik. Als zentrale Gefahren für das "Gesamtkunstwerk Stadt" nannte er vor allem solche für die ökonomische Basis der Stadt, nämlich wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Prosperität, für die soziale Basis der Stadt, gesellschaftliche Integration und sozialen Ausgleich, sowie für die ökologische Basis der Stadt Siedlungsexpansion und Beeinträchtigung der natürlichen Lebensgrundlagen. Man könne die Stadt in mehrere "Teilstädte" untergliedern, die jeweils spezifischen Herausforderungen zu begegnen haben: Die "Stadt als Wirtschaftsraum", als "gebaute Stadt", als "politische Stadt" sowie übergreifend als symbolische Stadt die sich vor allem in Form kultureller "Stadtbilder" präsentiert. Der aktuelle Problemdruck rühre vor allem aus der Gleichzeitigkeit, der Größe und der Unzugänglichkeit mehrerer Entwicklungstrends aus Wirtschaft, sozioökonomischem und demographischem Wandel, wobei diese Trends jeweils unterschiedlich auf die einzelnen "Teilstädte" wirken und Reaktionen erfordern.

Frank Bsirske, Vorsitzender des Bundesvorstandes der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wies in seinem Beitrag auf die widersprüchlichen Wahrnehmungen von Reformpolitik-Ansätzen in Öffentlichkeit und Medien hin. Trotz umfangreicher und erfolgreicher Reformprojekte in den Kommunen, die vor allem eine weit reichende Personalreduzierung zur Folge hatten und zu neuen effizienteren Verwaltungsstrukturen führten, werde dies in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Der Modernisierungsschub, den die Kommunalverwaltungen durchgemacht haben, habe auch zu einer Qualitätssteigerung und -sicherung kommunaler Dienstleistungen beigetragen. Dieser Prozess sei aber noch nicht am Ende. Wichtig erscheine vor allem eine Anpassung von Ausbildungs- und Qualifizierungsgängen für die öffentliche Verwaltung, bei der es mehr um Fähigkeiten für eine Ziel- statt Regelsteuerung geht, um kreative und kommunikative Fähigkeiten mit Moderations- und Verhandlungsgeschick, und in der die Stadt als Initiator und Moderator und nicht als Verwalter gesehen wird; Selbstorganisationsfähigkeiten, Selbststeuerung, Wertebindung und Teamkompetenz müssten stärker als bisher gelernt und vermittelt werden.

Prof. Dr. Thomas Sieverts setzte sich kritisch mit Neuffers Werk auseinander, betonte aber die Bedeutung, die Neuffer für eine ganze Planergeneration gehabt habe. Nicht nur die Vorstellung, dass (fast) alles technisch machbar sei, sondern auch seine "Gesichtspunkte für eine gute Stadt", die immer noch sehr aktuell seien, waren für viele Planer Vorbild. Er plädierte dafür, die Geschichte des Städtebaus und der Stadtentwicklung nicht zu vergessen, sondern sich ihrer zu vergewissern, da die Entwicklung in den Städten ohne Rückerinnerung nicht mehr nachvollziehbar sei. Vor dem Hintergrund der Vorstellungen von Martin Neuffer, dass alle Entwicklungen, die er prognostizierte, Sache des Staates seien, müsse heute konstatiert werden, dass der Glaube an die Allzuständigkeit des Staates in den vergangenen Jahren deutlich ins Wanken geraten ist, da der Staat tatsächlich nicht mehr alles richten könne, sondern die Verantwortung des Einzelnen gestärkt werden müsse. Von "Stadtvisionen" sei gegenwärtig kaum die Rede; Ziele einer integrierten, langfristigen Stadtentwicklung seien kaum erkennbar und ein ausgeprägter Inkrementalismus beherrsche das aktuelle Handeln in den Städten. Wenn über Visionen für den Städtebau nachgedacht werden solle, dann seien es vor allem drei Fragenkomplexe, mit denen man sich auseinander setzen müsse: Was ist (zukünftig) das Wesen des Kommunalen? Wie kann Peripherie in Stadtkultur überführt werden? Was ist das Wesen zukünftiger Architektur?

Prof. Christiane Thalgott, Stadtbaurätin in München, beschrieb den schwierigen Spagat der Städte zwischen "Gestalten und Verwalten" und machte deutlich, dass eine funktionierende Verwaltung, die das Gesamtwohl der Bürger im Blick behalte und Rechtssicherheit gewähre, für jeden Investor auch ein wichtiger Standortfaktor sei. Dies werde allzu häufig übersehen. Einerseits müsse es darum gehen, die Qualitäten unserer Städte zu erhalten, sie aber andererseits fit zu machen für die Globalisierung. Am Beispiel der Stadt München lasse sich dies gut nachvollziehen: Investoren, die mit überzogenen und unrealistischen Entwicklungsvorstellungen kämen, die dann auf realistische und stadtverträgliche Dimensionen und Nutzungskonzepte heruntergebrochen werden müssten, sowie eine Öffentlichkeit, die vor allem die Verwaltung für Fehlentwicklungen verantwortlich mache. Aber auch die Planer selbst unterlägen Wunschvorstellungen, die sich nicht einfach realisieren ließen. Wir alle hätten Bilder im Kopf von Dichte und Mischung und Kleinteiligkeit, die sich nach den heutigen ökonomischen und sonstigen Rahmenbedingungen nicht umsetzen ließen. Hinzu komme ein überbordendes Regelwerk, dass inzwischen auch vonseiten der EU auf die Städte niederprassele, ohne dass die Städte eine Chance hätten, sie alle umzusetzen. Als Beispiele hierfür könnten die Lärmschutzbestimmungen des Bundes (DIN 18005) oder die Feinstaubrichtlinie der EU angeführt werden. Zu fragen sei, was Regeln nutzen, die die Städte nicht anwenden könnten: Was nutzen Gesetze, die man nicht einhalten kann? Für Bürger sei dies nicht nachvollziehbar. Umso wichtiger sei es daher, vor dem Hintergrund immer komplizierter werdender Verfahren eine Planungskultur zu entwickeln und den Dialog mit den Bürgern zu einer permanenten Aufgabe zu machen. Wenn wir über das Gestalten nachdenken, solle jede Chance zur Veränderung genutzt werden, um die Städte auf die heutige Konkurrenzsituation einzustellen. Man dürfe kritischen Diskussionen darüber nicht ausweichen; die Erfolge seien häufig erst viele Jahre später sichtbar.

So unterschiedlich die Zugänge der einzelnen Beiträge zur Thematik sind, so übereinstimmend sind sie in ihrer Grundtendenz, dass "Städte für alle" ein bleibendes Motto und eine immer aktuelle Herausforderung für Stadtforschung, Politik und Verwaltung bleiben und sowohl das "Machbare" als auch das "Visionäre" für den Städtebau unerlässlich sind.

Weitere Informationen:

Dipl.-Soz. Robert Sander
Telefon: 030/39001-267
E-Mail: sander@difu.de

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