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Difu-Berichte 1-2/2005 - Wohnen in der Innenstadt

Wohnen in der Innenstadt - eine Wiederentdeckung?

Wohnen in Leipzig

Bis heute gilt die seit Jahrzehnten anhaltende Suburbanisierung weithin immer noch als der bestimmende räumliche Trend. Seit einiger Zeit ist jedoch ein verstärktes Interesse am Wohnen in der Stadt zu beobachten, so dass langsam eine Diskussion über eine Rückkehr in die Stadt beginnt. Diese "Renaissance der Stadt" scheint eine neue Phase der Stadtentwicklung einzuläuten. Dabei erfährt auch das Wohnen in der Innenstadt eine Aufmerksamkeit, die über die mit der Gentrificationtheorie erfassten Vorgänge hinausgeht: Innenstadtnahe Quartiere werden als Wohnstandort nicht nur von einer bestimmten Lebensstilgruppe wiederentdeckt. Die folgenden Überlegungen sind im Rahmen eines laufenden Projekts des Deutschen Instituts für Urbanistik zum Thema "Wohnen in der Innenstadt" entstanden. Sie stützen sich unter anderem auf Ergebnisse einer schriftlichen Bewohnerbefragung aus zwei innenstadtnahen Untersuchungsgebieten in München und Leipzig. Das Projekt soll Mitte 2005 abgeschlossen werden. In München handelt es sich um das Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel in der Innenstadt, in Leipzig um den Stadtteil Schleußig am Innenstadtrand. Die Befragung wurde zum Jahresende 2003 durchgeführt.

Ausgangssituation

Die durch die industrielle Revolution des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedingten Ursachen der Stadtflucht schwächen sich ab. Es ist sogar ein steigendes Interesse am Wohnen in der Stadt - auch im innenstadtnahen Bereich - zu beobachten. Dabei ist davon auszugehen, dass die dauerhaft veränderten Rahmenbedingungen zur Stadtentwicklung die Basis für die Wiederentdeckung des Wohnens in der Innenstadt ist. Folgende Ursachen sind hierfür zu nennen:

Zur Bevölkerungsentwicklung

Einwohnerverluste der Städte durch Umlandwanderung, rückläufige Bevölkerungsentwicklung und ihre Auswirkungen auf die Städte sind ein derzeit allerorten diskutiertes Thema. In einigen Städten ist jedoch der Rückgang der Einwohnerzahl gestoppt, vor allem Ballungsräume verzeichnen wieder Einwohnerzuwächse. Besonders bemerkenswert erscheint - nach Jahren des Bevölkerungsverlustes - die Zunahme der Einwohnerzahl in manchen Innenstadtgebieten. Dabei ist zu erwarten, dass weiterhin, zumal in Städten, die über innenstadtnahe Recyclingflächen verfügen, ein Anstieg der Einwohnzahl erfolgen wird. Das Neue der derzeitigen Entwicklung besteht vor allem in der "Wiederentdeckung" innenstadtnahen Wohnens nicht nur der Einbis Zweipersonenhaushalte und bestimmter Lebensstilgruppen. Es sind vielmehr Personen aller Lebensphasen sowie Haushaltsgrößen mit unterschiedlichen Lebensstilen und Gewohnheiten, für die der innenstadtnahe Bereich zum Wohnstandort erster Wahl wird.

Arbeitsplatzentwicklung in der Stadt

Die Randwanderung von Arbeitsplätzen und Wohnbevölkerung gehört zu den selbstverständlichen Gewissheiten der letzten Jahrzehnte. Die Städte - zumal die Großstädte - verzeichnen in den letzten Jahren jedoch wieder Beschäftigungsgewinne. Mit der Zunahme von Arbeitsplätzen in der Stadt entstehen auch im innenstadtnahen Bereich neue, hochqualifizierte Arbeitsplätze. Die Vermutung, dass mit der Entstehung von qualifizierten Arbeitsplätzen auch die Nachfrage nach entsprechendem Wohnraum steigt, bestätigt sich durch den hohen Anteil derjenigen Bewohner, die in den Untersuchungsgebieten im innenstadtnahen Bereich ihren Arbeitsplatz haben. Die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft und der Eintritt ins Informationszeitalter begünstigen einen Lebensstil, bei dem die Trennung von Wohnen und Arbeiten obsolet wird und sich die Standorte wieder einander annähern.

Zur Suburbanisierung in den 1990ern

Die Wanderungsmotivuntersuchungen der 1990er Jahre brachten auch Überraschendes zutage. So ist die Akzeptanz der Stadt weit höher, als die Umlandwanderung erscheinen lässt. Viele Umlandwanderer wären in der Stadt geblieben, wenn sie ihrenWohnflächenbedarf bei gleichen Kosten in der Stadt hätten realisieren können. Die Attraktivität der Stadt und des innenstadtnahen Bereichs kommt auch in den Bewohnerbefragungen in Leipzig und München zum Ausdruck. Bei freier Wahlmöglichkeit würden nur 3,7 Prozent der Bewohner des Untersuchungsgebiets in Leipzig und 7,3 Prozent in München im Umland wohnen wollen. Weiterhin zeigt sich, dass die Kosten des Umlandwohnens zunehmend bewusster wahrgenommen und so zum Beispiel das Zweitauto den höheren Wohnkosten in der Stadt gegenüber gestellt werden. Im Münchner Untersuchungsgebiet können sich sogar 45 Prozent der Befragten vorstellen, auf ihren PKW zu verzichten.

Wohnleitbilder ändern sich

Wie Deutsche wohnen wollen, scheint eindeutig zu sein. Untersuchungen zeigen: Das freistehende Einfamilienhaus gilt seit Jahrzehnten als das unangefochtene Wohnleitbild und ist mit Abstand die favorisierte Wohnform. In einer postfordistischen Gesellschaft haben sich indes die ökonomischen und sozialen Bedingungen gegenüber dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert. Diese Bedingungen, die dem Wohnleitbild "freistehendes Einfamilienhaus" zum Durchbruch verhalfen (und dem keine Bemühungen der Stadtplaner je wirklich etwas anhaben konnten), existieren nicht mehr. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn neue Wohnpräferenzen sich herausbilden. Das freistehende Einfamilienhaus wird, so ist zu vermuten, seine Dominanz für bestimmte Bevölkerungsschichten verlieren.

Die (gehobene) Mittelschicht und das Wohnen in der Innenstadt

Es ist zunehmend die (gehobene) Mittelschicht, die in innenstadtnahen Quartieren wohnt und bestimmte Areale wieder für sich entdeckt. So ist auffällig, dass in beiden Untersuchungsgebieten das Bildungsniveau außerordentlich hoch ist und über dem jeweiligen städtischen Durchschnitt liegt. Ähnlich verhält es sich bei den Einkommen, auch sie liegen eher über dem städtischen Durchschnitt; dem entspricht die jeweils unter dem Durchschnitt liegende Arbeitslosenquote. Da es sich bei den Untersuchungsgebieten mit über 12000 Einwohnern (Leipzig) bzw. über 20 000 Einwohnern (München) um eigenständige Stadtquartiere bzw. Stadtviertel handelt, ist die Vermutung, dass es sich hier nur um "inselhafte" aufgewertete innenstadtnahe Areale handele, in beiden Fällen nicht zutreffend.

Wohnen in München

Soziale Differenzierung und Lebensstile in der Innenstadt

Aufgrund der sozialen Differenzierung bilden sich in Innenstadtquartieren zunehmend Quartiere mit einem je spezifischen sozialen Milieu heraus, in dem sich Menschen gleicher Anschauung und gleichen Lebensstils zusammenfinden. Offensichtlich zieht z.B. die im Münchner Untersuchungsgebiet herrschende Atmosphäre von Offenheit, Toleranz und Vielfältigkeit weiteres Publikum an. Jedoch: Gruppen, die unterschiedliche Lebensstile repräsentieren, können der gleichen sozialen Schicht angehören. In den Stadträumen kommt es also zur Ausdifferenzierung unterschiedlicher Milieus nach Lebensstilen bei gleicher Schichtzugehörigkeit, die sich indes in ihrer symbolischen Lebensführung voneinander abgrenzen. Das Wohnen in der Innenstadt spricht also nicht nur einen bestimmten Lebensstiltypus an, sondern in der Innenstadt finden sich vielmehr unterschiedliche Lebensstile wieder.

Soziale Segregation und Verdrängung

Wenn man von den neuen Innenstadtbewohnern spricht, meint man diejenigen, die zu den etwa 60 Prozent gehören, die oberhalb der "Wohlstandsschwelle" einzuordnen sind. Weite Teile der Innenstadt, in denen nach gängiger Auffassung vor allem die sogenannten "Exkludierten" (die "A’s": Arme, Ausländer, Arbeitslose) wohnen, werden nicht nur symbolisch an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sondern aufgrund der steigenden Mieten im Innenstadtbereich konkret an den Stadtrand verdrängt. Nicht von ungefähr entstehen in allen Städten, die über innenstadtnahe Gewerbeflächen verfügen und deren Wiedernutzung auch dem Wohnen dienen sollen, vorrangig Eigentumswohnungen im hochpreisigen Sektor. Die Konsequenz ist, dass längerfristig mit einem "sozialen Umkippen" innenstadtnaher Quartiere in umgekehrter Richtung zu rechnen ist, denn diese "Inseln des Wohlstands" in den Innenstädten scheinen sich immer weiter auszubreiten. Wer heute - im Gegensatz zu den vergangenen Jahrzehnten - in die Stadt zieht, gehört zu den Gewinnern, zumindest nicht zu den Verlierern der Gesellschaft.

Innenstädte: nichts für Kinder?

Eine bedeutsame Gruppe der Umlandwanderer ist der Zweigenerationenhaushalt, insbesondere die Gruppe der jungen Familien. Die Innenstadt bzw. innenstadtnahe Gebiete werden jedoch auch von jungen Familien angenommen. In den Untersuchungsgebieten ist zu beobachten, dass junge Familien oder Haushalte, die vor der Familiengründung stehen, in ihrem innenstadtnahen Quartieren verbleiben wollen und nur aus Gründen des steigenden Flächenbedarfs eine größere Wohnung suchen. Diese finden angemessenen Wohnraum aber nicht und oft schon gar nicht zu akzeptablen Preisen in ihrem bisherigen innenstadtnahen Wohnquartier. Das Innenstadtwohnen wird von diesen Personengruppen dabei keineswegs, wie vielfach unterstellt wird, von vornherein als familien- bzw. kinderfeindlich empfunden. Aus stadtentwikklungspolitischer Sicht ist die Abwanderung von Familien in das Umland aus vielen Gründen nicht erwünscht, von den Familien auch nicht gewollt, sondern zumeist erzwungen. Es gilt daher, die Vorstellung vom familienfeindlichen Stadtleben sowohl seitens der Stadtplanung als auch der Wohnungswirtschaft zu korrigieren und ein Leitbild des "familienund kindgerechten Wohnens" für innenstadtnahe Gebiete zu entwickeln - zudem wäre dadurch eine Anreicherung der derzeitigen Debatte zur Bevölkerungsentwicklung einschließlich der familienpolitischen Komponente zu sehen.

Ausblick

Die Geschichte des Wohnens in der Innenstadt ist bislang zumeist eine Geschichte der Verdrängung des Wohnens durch tertiäre Nutzungen, jahrzehntelang begleitet von einem negativen Image der Innenstadt als Wohnstandort. Dieses Image beginnt, sich in positivem Sinn zu verändern und man kann heute mit vorsichtigem Optimismus von einer Wiederentdeckung innenstadtnahen Wohnens sprechen. Aus einer historisierenden Perspektive wird der Wandel zu Einstellung und Bedeutung des Wohnens in innenstadtnahen Quartieren besonders deutlich. 1968 traf Julius Posener mit seiner Zustandsbeschreibung " … so empfindet ein jeder von uns die Angst vor einem Leben in der Stadt, das keines mehr ist" den Kern des Lebensgefühls in Deutschlands Städten. Ein Wandlungsprozess setzte ab 1972 ein, als unter dem Motto des Deutschen Städtetags "Rettet unsere Städte jetzt" Maßnahmen zur Stadterneuerung die Innenstädte veränderte. 1987 werden von Häußermann und Siebel die "neue Urbaniten" ausgemacht. Dabei stellten sie die Frage: Die Menschen, "die die Innenstadt nicht lediglich als vorübergehendes Übel, sondern diesen Standort zum Wohnen geradezu suchen. Was sind das für Leute?" Die Konnotation in der Frage verweist auf die weiterhin äußerst skeptische Einstellung zum Innenstadtwohnen in den 1980er Jahren. 2004 ist die Vermutung begründet, dass die (gehobene) Mittelschicht immer weitere Teile der Innenstadt besetzt und ein allgemeiner Imagewandel des Innenstadtwohnens einsetzt. In der historischen Sichtweise erscheint dieser Wandel allerdings eher als eine Zwischenstation einer Entwikklung, die in den 70er Jahren ihren Ausgang nahm. Selbstverständlich verläuft der Prozess einer "Wiederentdeckung" nicht linear und kann zudem in den einzelnen Städten in unterschiedlicher, vielleicht gar entgegengesetzter Weise verlaufen. Und so ist zu fragen: Wie wird die Innenstadt im Jahre 2030 aussehen?

Weitere Informationen: 

Dipl.-Sozialwirt Hasso Brühl
Telefon: 030/39001-243
E-Mail:
bruehl@difu.de

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