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Difu-Berichte 4/2004 - Von Tante Emma zu Onkel Ali? Ethnische Ökonomie: Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab

Seit Beginn der 1980er Jahre haben Zahl und Anteil ausländischer Selbstständiger in Deutschland deutlich stärker zugenommen als bei der deutschen Bevölkerung, allein in den 1990er Jahren verdoppelte sich ihre Zahl. Diese Entwicklung spiegelt einerseits einen Generationenwechsel wider. Andererseits verdeutlicht sie die verschlechterte Beschäftigungssituation, auf die in Deutschland lebende Ausländer in stärkerem Maße als Deutsche mit Selbstständigkeit reagiert haben.

Auf diese Entwicklungen geht die vom Deutschen Institut für Urbanistik im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts "Zuwanderer in der Stadt" erstellte Studie ein. Untersucht wurden das integrative Potenzial und die Funktion ethnischer Ökonomien für die bereits über einen längeren Zeitraum in Deutschland lebenden sowie die neu hinzukommenden Zuwanderer, jedoch auch für die im Stadtteil wohnende deutsche Bevölkerung.

Unter ethnischer Ökonomie wird selbstständige Erwerbstätigkeit von Personen mit Migrationshintergrund sowie abhängige Beschäftigung in von Personen mit Migrationshintergrund geführten Betrieben verstanden, die in einem spezifischen Migrantenmilieu verwurzelt ist.

Integration bezieht sich einerseits auf Individuen oder Gruppen und ist dann gegeben, wenn diese Menschen über gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Strukturen verfügen. Andererseits bezieht sich Integration auch auf gesellschaftliche Systeme und liegt dann vor, wenn sich die Teilsysteme in einem hinreichend stabilen Zustand befinden.

Die in der Migrationsforschung vorliegenden Erklärungsansätze für die Entstehung ethnischer Ökonomien (Nischenmodell, Kulturmodell und Reaktionsmodell) erscheinen zwar typisch für bestimmte Phasen der Migration, sie lassen sich aber meistens nicht eindeutig voneinander abgrenzen. Aufgrund unterschiedlicher Entstehungsbedingungen und Entwicklungsphasen haben ethnische Ökonomien andere Strukturen als deutsche Gewerbebetriebe, vor allem was die Altersstruktur, die Größe des Gewerbebetriebes, die Branchenzugehörigkeit, die Beschaffung des Gründungskapitals und die Ausbildungsbefähigung betrifft. Ausländische Selbstständige verfügen im Vergleich zu den deutschen über bestimmte Ressourcen wie Transkulturalität, familiäre und verwandtschaftliche Unterstützung, Netzwerke innerhalb der ethnischen Gruppe und zwischen den Ethnien. Gleichzeitig stehen ausländische Existenzgründer und Gewerbetreibende vielen Schwierigkeiten und Hemmnissen gegenüber: rechtliche Einschränkungen bei der Gewerbeausübung, Probleme bei der Fremdfinanzierung, fehlender Zugang zu Beratungsdiensten und Existenzförderprogrammen sowie Wettbewerbsnachteile durch den starken Bezug auf die eigene Ethnie. Besonders häufig sind unter ausländischen Existenzgründern geringe Einkommenssicherung durch selbstständige Gewerbetätigkeit und hohe Insolvenzraten zu finden.

Am Beispiel der türkischen, italienischen und russischen Ökonomie werden, basierend auf vorliegenden Untersuchungen, unterschiedliche Entwicklungspfade ethnischer Ökonomien in deutschen Städten aufgezeigt.

Um die Ressourcen und Potenziale ausländischer Gewerbetreibender sowie ihre Integrationsfunktion näher zu erfassen, wurden in sechs Fallstudienstädten, die auch am Forschungsprojekt "Zuwanderer in der Stadt" beteiligt sind, Leitfadeninterviews mit selbstständigen Unternehmerinnen und Unternehmern unterschiedlicher Ethnien und Generationen sowie mit Expertinnen und Experten bzw. Schlüsselpersonen (aus Wirtschaftsverwaltung, dem Kammerbereich, den Existenzgründerberatungsstellen usw.) geführt.

Daraus ergab sich folgendes Bild: Familien- Netzwerke sind für ethnische Ökonomien eine zentrale Voraussetzung für die Gründung und Unternehmensführung. Sie sichern das notwendige Startkapital, garantieren familiäre Unterstützung und Mithilfe im Betrieb. Selbstständige mit Migrationshintergrund zeigen Mut und Entscheidungsfreudigkeit, können mit Unsicherheiten besser umgehen, für sie hat eine langfristige Perspektive keine so hohe Relevanz wie für deutsche Selbstständige.

Ihre Mehrsprachigkeit und ihre Sozialisation in zwei Kulturen ermöglicht ihnen das Eingehen auf Landsleute und Deutsche und damit einen größeren Kundenkreis.

Vor allem in den letzten Jahren haben ausländische Gewerbebetriebe eine bedeutende Rolle in der Nahversorgung der Bevölkerung im Stadtteil übernommen und nicht nur das bestehende Warenangebot erweitert, sondern auch den Stadtteil stabilisiert und aufgewertet. Darüber hinaus tragen sie zur Bereicherung der Stadtteilkultur bei. Allerdings wurde die Konzentration ethnischen Gewerbes im Stadtteil, aber auch die Konzentration bestimmter Gruppen, zum Beispiel Türken, als Bewohner eines Stadtteils im Sinne einer Bildung von Parallelgesellschaften vereinzelt in Gesprächen teilweise negativ bewertet.

Gleichzeitig sind ethnische Gewerbebetriebe für ihre jeweiligen Landsleute ein "Stück Heimat", vor allem für Neuzugewanderte, die auf diese Weise nicht nur mit heimischer Ware versorgt, sondern für die damit auch eine soziale Funktion erfüllt wird (Informationen und Beratung, Arbeitsmöglichkeiten).

Die Integrationsfunktion ethnischer Unternehmen ergibt sich am deutlichsten in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Zum einen schaffen sie für sich selbst durch Unternehmensgründung einen Arbeitsplatz und sichern ihren Lebensunterhalt, zum anderen entstehen Arbeitsplätze für schon länger hier lebende oder neu zugewanderte Migranten. Auch zeigt sich, dass ethnische Unternehmen Verantwortung übernehmen, indem sie Ausbildungsplätze bereitstellen. Selbstständigkeit bedeutet sozialen Aufstieg, der Migranten Anerkennung bringt und das Bild von Migranten in der Gesellschaft verändert.

Neben den in den Fallstudienstädten bestehenden Förderstrukturen (kommunale Wirtschaftsförderungseinrichtungen, Industrie- und Handelskammern und Handwerkskammern) haben sich in einzelnen Städten besondere Förderstrukturen herausgebildet. Oft sind im Rahmen von EU-, bundes- oder landesgeförderten Projekten Angebote zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur oder zur wirtschaftlichen und sozialen Integration entstanden. Die Projekte sind jedoch teilweise zeitlich begrenzt und müssen auch Kapazität dafür einsetzen, ihre eigene Finanzierung zu sichern. Projekte gibt es vor allem in den Bereichen der Qualifizierung und Weiterbildung sowie neuerdings bei der Existenzgründung von Personen mit Migrationshintergrund. Hinzu kommen spezielle Angebote für bestimmte Gründergruppen (Ethnien, Branchen).

Trotzdem treten - vor allem im laufenden Geschäftsbetrieb - Probleme auf, da adäquate Krisenmanagementangebote fehlen und vor dem Hintergrund einer bei manchen ethnischen Unternehmen verbreiteten "Beratungsresistenz" schwer zu implementieren sind. Dies trifft meist nicht auf Existenzgründungen zu, für die vielfältige Beratungsangebote zur Verfügung stehen.

Unternehmer mit Migrationshintergrund haben sich teilweise in eigenen Unternehmensverbänden oder -vereinen organisiert, die an der Schnittstelle zwischen bestehenden Institutionen und wirtschaftlich Tätigen mit Migrationshintergrund agieren und dort eine wichtige Aufgabe als Vermittler übernehmen.

Da die selbstständige wirtschaftliche Tätigkeit von Personen mit Migrationshintergrund einen hohen Stellenwert bei der Entwicklung der lokalen Wirtschaft und der Stadtteilentwicklung hat, sollten die jeweiligen Politikfelder (Integration, Wirtschaftsförderung und Stadtteilentwicklung) stärker verknüpft werden und die institutionellen Akteure für die Potenziale und Problemstellungen, die mit ethnischen Ökonomien zusammenhängen, sensibilisiert werden. Dazu gehören u.a. die interkulturelle Qualifikation von Politik, Verwaltung und anderen Institutionen ebenso wie die Berücksichtigung der kulturellen Prägung der ethnischen Ökonomie, eine integrierte Gründerberatung und -betreuung, das Angebot von "niedrigschwelligen" Beratungsangeboten im Stadtteil, die Finanzierungsberatung und die finanzielle Förderung von Existenzgründungen sowie Einbeziehung von ethnischen Gewerbetreibenden in die Stadtteilarbeit.

Die Weiterentwicklung der ethnischen Ökonomie und ihr Stellenwert bei der Integration der Migranten hängt zwar nicht nur von den Kommunen ab, da zum Beispiel die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Förderprogramme und die gesellschaftliche Akzeptanz von Migranten - alles Faktoren, die auf die Entwicklung ethnischer Ökonomien einwirken - nur bedingt von den Städten beeinflusst werden können. Kommunen können aber durch interkulturelles Engagement und integrierte Förderung viel dazu beitragen, Hemmnisse und Gründungsschwierigkeiten abzubauen. Wenn die Bedeutung der ethnische Ökonomie für die Stadt und die Stadtteile erkannt wird und es gelingt, sie aufzuwerten, dann kann sie eine wichtige Integrationsfunktion übernehmen und das Zusammenleben fördern.

Weitere Informationen: 

Dipl.-Volksw. Ulla-Kristina Schuleri-Hartje
Telefon: 030/39001-234
E-Mail: schuleri-hartje@difu.de

Dipl.-Geogr. Holger Floeting
Telefon: 030/39001-221
E-Mail: floeting@difu.de

"Ethnische Ökonomie: Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab" erscheint als Veröffentlichung im Februar 2005 bei der Schader Stiftung, ISBN 3-932736-14-1, Schutzgebühr 13 Euro. Näheres unter http://www.schader-stiftung.de

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