Umwelt- und Aufenthaltsqualität in kompakturbanen und nutzungsgemischten Stadtstrukturen – Analysen, Fallbeispiele, Handlungsansätze unter Nutzung und Weiterentwicklung des Bauplanungs- und Umweltrechts

Themenfelder 
Bereich 
Stadtentwicklung, Recht und Soziales
Bearbeiter 
Auftraggeber 
Umweltbundesamt (UBA)
Laufzeit 
2015 bis 2017
Statut 
laufend

Die zentrale Frage des Vorhabens lautet: Wie lassen sich kompakte und nutzungsgemischte Siedlungsstrukturen so entwickeln, dass sie den Anforderungen an eine hohe Umwelt-, Aufenthalts-, Wohn- und Lebensqualität in den städtischen Quartieren gerecht werden?

Vor dem Hintergrund andauernder hoher Inanspruchnahme von Freiraum für Siedlungs- und Verkehrsflächen hat die Bundesregierung 2002 in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie das Ziel formuliert, die Flächenneuinanspruchnahme bis zum Jahr 2020 auf 30 ha pro Tag zu reduzieren. Die Umsetzung des 30 ha-Ziels in die einschlägigen gesetzlichen Regelungen u.a. des Baugesetzbuches verpflichtet die Kommunen zu einer stärkere Orientierung an der flächeneffizienten Innenentwicklung, vor allem durch Maßnahmen der Nachverdichtung in bestehenden Quartieren und die Wiedernutzung brachgefallener Flächen.

Parallel zu diesen Anstrengungen lässt sich in den letzten Jahren vielerorts ein Bedeutungsgewinn der Zentren (großer) Städte beobachten: Die Intensität der Abwanderung aus städtischen Räumen hat abgenommen, Kernstädte sind gegenüber ihrem Umland begünstigt, und bisher unattraktive Teilräume von Städten werden wiederbelebt. Das Leben in der Stadt weist einige Vorteile gegenüber dem Eigenheim im suburbanen Umland auf, was sich mittlerweile auch im öffentlichen Bewusstsein niederschlägt.

Eine Begründung dafür wird gesehen im Wachstum stadtorientierter Dienstleistungen und der Herausbildung von „Wissensökonomien“, in geänderten konsumtiven Präferenzen der privaten Haushalte, in der mittlerweile internationalen Zuwanderung, die sich überproportional auf die Kernstädte richtet, oder aber auch im sozio-demografischen Wandel, hier vor allem im wachsenden Anteil an Single-Haushalten und der Anzahl älterer Menschen, die nach Auszug der Kinder wieder das Leben in der Stadt mit den seinen Vorteilen suchen. Noch unklar ist zurzeit allerdings, ob sich der sich abzeichnende Trend einer Re-Urbanisierung in diesem Tempo fortsetzen wird. Limitiert wird er nicht zuletzt durch das Fehlen bezahlbarer Wohnangebote in den attraktiven Zentren.

Gerade vor dem Hintergrund des Bedeutungsgewinns städtischer Räume erlangt die Frage nach einem konsistenten Leitbild einer künftigen nachhaltigen Stadtentwicklung wieder verstärkt Bedeutung (siehe dazu u.a. Leipzig Charta). Denn mit einer stärkeren Konzentration der Siedlungsentwicklung auf die Zentren der Städte wird eine Reihe von Vorteilen für die Infrastrukturentwicklung, Mobilität oder Umwelt verbunden. Im Fokus dieser Diskussionen steht u.a. das städtebauliche Leitbild der kompakt-urbanen und funktionsgemischten Stadt mit kurzen Wegen, die im Sinne einer nachhaltigen städtebaulichen Entwicklung dazu beitragen soll:

  •  das Flächenwachstum für Siedlungen und Verkehrsinfrastrukturen zu reduzieren, damit den Landschaftsverbrauch zu minimieren und das Verkehrsaufkommen und die damit verbundenen Emissionen und Energieverbräuche auf ein verträgliches Maß zu bringen - Stadt schützt Landschaft.
  • den volkswirtschaftlichen Aufwand für die Siedlungsentwicklung im Außenbereich zu reduzieren und Kommunen von materiellem und finanziellem Aufwand für erforderliche Infrastrukturen zu entlasten - Infrastrukturauslastung spart Kosten.
  • räumliche und soziale Segregation unterschiedlicher Milieus zu verhindern und zugleich bunte, attraktive und bezahlbare Quartiere zu schaffen, die eine Mischung von Wohnen, Arbeiten, Bildung, Versorgung und Freizeitgestaltung ermöglichen  - funktionale und soziale Vielfalt sichert Teilhabe.

Kompakt und gemischt genutzte Siedlungsstrukturen mit attraktiven Wohnumfeldern dienen dem Umsetzen des Leitbildes der Stadt der kurzen Wege, verringern den Verkehrsaufwand und tragen damit wesentlich zu einer energie- und flächeneffizienten Stadt bei. Der (Nach)Verdichtung von Nutzungen stehen teilweise die Anforderungen der raumbezogenen Anpassungen an die Folgen des Klimawandels gegenüber. Denn Flächenvorsorge und -freihaltung zur Verbesserung des Wasserrückhalts oder zur Sicherung und Entwicklung klimaökologisch und lufthygienisch bedeutsamer Frei- und Ausgleichsflächen können die Flächenkonkurrenzen in den Städten weiter verschärfen.

Das Umweltbundesamt beauftragte BKR Aachen und das Difu mit der Bearbeitung des F+E-Vorhabens.

Aufgaben und Forschungsfragen

Im Fokus des Vorhabens steht die Entwicklung und Sicherung von Aufenthalts- und Umweltqualitäten im Rahmen des Leitbildes der nutzungsgemischten und kompakten Stadt. Im Vorhaben soll u.a. untersucht werden, welche Synergien zwischen nutzungsgemischten und kompakten Stadtstrukturen und der Umweltentwicklung bestehen, wie sie effizient genutzt werden können, aber auch, welche Konflikte auftreten können und wie sie vermieden, gemindert oder ausgeglichen bzw. kompensiert werden können. Im Rahmen von acht ausgewählten kommunalen Fallstudien – sowohl Bestands- als auch innerstädtische Neuplanungs- bzw. Umstrukturierungsgebiete – werden die jeweiligen Mischungskonstellationen, vor allem aber Strategien, Interventionen und Einflussmöglichkeiten von Kommunen sowie anderen Akteuren eingehender untersucht.
Folgende Fragen stehen im Fokus:

  •  Welche Formen und Ausprägungen von funktionaler und sozialer Mischung sowie Nutzungsdichte sind in den verschiedenen Quartieren zu finden (Untersuchung von Fallstudien)? Welche positiven Effekte und Synergien sind mit den verschiedenen Spielarten von mischgenutzten verdichteten Quartieren verbunden, und welche Unverträglichkeiten und Konflikte – vor allem im Umweltbereich – können auftreten?
  • Wie sehen die Flächenverteilung und eine multifunktionale Flächennutzung sowohl in bebauten als auch in unbebauten Bereichen kompakter und verdichteter Quartiere sowie ein daran angepasstes Verkehrs- und Infrastruktursystem aus? Welchen Beitrag können kompakte und nutzungsgemischte Quartiere zur Reduzierung des Flächenverbrauchs leisten?
  • Gibt es Zusammenhänge zwischen sozialer Lage der Quartiere, dem Grad der Nutzungsmischung, den jeweiligen Entwicklungstendenzen und der Umwelt- und Aufenthaltsqualität? Wie sehen Ausgleichs- und Kompensationsmöglichkeiten aus?
  • Warum ist die gemischte Stadt – angesichts der vielen formulierten Vorteile – nicht Alltagspraxis? Welche Hemmnisse und (systemimmanente) Nebenwirkungen behindern die Entwicklung von kompakten und gemischten Stadtstrukturen?
  • Welche Hinweise und Anhaltspunkte können zu planerischen, städtebaulichen, rechtlichen und sonstigen Handlungsmöglichkeiten gewonnen werden, um Nutzungs- und soziale Mischung zu schaffen bzw. zu erhalten? Welche Instrumente wurden bereits erprobt? Welche Regelungen sind zu überarbeiten, welche fehlen? Welche Umweltstandards sind für die kompakte, nutzungsgemischte Stadt zu definieren?

Die wesentlichen Ergebnisse des Vorhabens werden in einem Abschlussbericht niedergelegt. Als Orientierungshilfe für die auf verschiedenen Entscheidungsebenen mit städtebaulicher Planung befassten Akteure werden die wichtigsten Erkenntnisse und Handlungsansätze in einem Positionspapier „Urban-kompakte und funktionsgemischte Stadt“ zusammengefasst und als Broschüre veröffentlicht.