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Aktive Baulandpolitik für Stadt und Umland (Vortrag)

Fachtagung Difu / BBR vom 29.-30. Oktober 2001 in Berlin

Vortrag:

Regionales Bodenmanagement - kann es die Suburbanisierung aufhalten?
Gute Beispiele aus der Praxis
Axel Priebs (Hannover)

1. Suburbanisierung: zum Umgang mit einem gesellschaftlichen Phänomen

Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht der Umgang der räumlichen Planung mit der Suburbanisierung. Deswegen erscheint es mir erforderlich, gleich zu Beginn den mir gestellten Vortragstitel in einigen Punkten zu hinterfragen. So impliziert dieses, dass es möglich und sogar erforderlich sei, die Suburbanisierung aufzuhalten. Ich persönlich vertrete hingegen die Auffassung, dass es unmöglich ist, die Suburbanisierung aufzuhalten, dass es aber notwendig und unverzichtbar ist, sie zu gestalten. Dahinter steht die auch in einem Tagungsmotto der ARL und der DASL zum Ausdruck kommende Überlegung, dass die Stadt längst die Region ist (1). Auch die begrifflich von Thomas Sievers geprägte Zwischenstadt (2) ist längst Realität. Weiter entfernt sind wir jedoch - glücklicherweise - von postsuburbanen Strukturen, wie sie für das Umland großer amerikanischer Städte bereits indentifiziert werden (3).

Räumliche Planung muss sich mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Trends auseinandersetzen, die sie selbst nicht oder kaum beeinflussen kann. An erster Stelle steht die Individualisierung unserer Gesellschaft, die sich unter anderem in dem Streben nach dem Wohnen im freistehenden Einfamilienhaus ausdrückt. Das "traute Glück im Grünen" wird massiv auch von staatlicher Seite unterstützt - genannt seien nur die Eigenheimförderung und die Entfernungspauschale. Aber auch Defizite in der Politik vieler Großstädte sind zu beklagen: Während die Nachbarkommunen der großen Städte eine offensive Baulandpolitik betreiben, tun sich viele Kommunen schwer, sich vom klassischen Geschosswohnungsbau zu Gunsten attraktiverer, gleichwohl verdichteter, jedoch kinderfreundlicher Bauformen umzuorientieren.

In der Diskussion um eine nachhaltige Siedlungsentwicklung wird aus meiner Sicht überschätzt, welchen politischen Stellenwert diese tatsächlich auf örtlicher Ebene hat. Nach meiner Erfahrung bereitet in der Praxis weniger der Flächenverbrauch Sorge als das "Volllaufen" und die Vermarktung von Baugebieten. Der Trend sowohl beim Wohn- als auch beim Gewerbebau geht eindeutig in erheblich größeren Flächenverbrauch, was ganz besonders deutlich bei den neuen Einzelhandelsimmobilien wird.

Diese Entwicklungen zeigen aber auch, dass die Aussage, unsere Umwelt sei weitgehend gebaut, völlig verkehrt ist. Ich stelle hierzu entschieden die Gegenthese in den Raum, dass sich unsere Umwelt täglich verändert und deswegen eine planerische Einflussnahme auch weiterhin erforderlich ist. Auch die aktuellen demografischen Trends sowie der konjunkturelle Abschwung in der Baukonjunktur stellen aus meiner Sicht keine echte Entwarnung dar. Wollen wir die räumliche Entwicklung nicht dem Zufall bzw. der Willkür Einzelner überlassen, brauchen wir auch künftig klare und verbindliche Vorstellungen, wie wir uns unsere räumliche Zukunft vorstellen. Sehr plastisch hat aus meiner Sicht Hans Adrian vier Entwicklungsszenarien für die Zukunft der Großstadtregionen aufgezeigt. Wenn wir Glück haben, gelingt es uns gerade noch das Leitbild "Stadt der kooperierenden Zentren" zu realisieren - die tatsächlichen Bestrebungen von Projektentwicklern laufen jedoch längst in die Richtung "Stadt der künstlichen Welten" (vgl. Abbildung 1). Hier ist es letztlich eine politische Frage, welchen Weg wir gehen wollen - alternative Handlungsmöglichkeiten bzw. Handlungserfordernisse überhaupt zu verneinen, halte ich jedoch für fahrlässig.

Die bewahrte StadtDie ausgelaugte StadtStadt der kooperierenden ZentrenStadt der künstlichen Welten

Abb. 1: Szenarien der künftigen Siedlungsstruktur in Stadtregionen(Zeichnung von Stadtbaurat a.D. Hanns Adrian, Quelle: Dokumentation des Kongresses "Die Zukunft der Stadtregionen" am 22./23. Oktober 1997 in Hannover)

2. Boden- und Flächenmanagement als öffentlich Aufgabe

Wie ich soeben darstellte, gibt es durchaus alternative Entwicklungsszenarien für unsere Stadtregionen. Die Entscheidung über die Zukunft der räumlichen Struktur, d. h. die Verräumlichung gesellschaftlicher Trends, muss nach meiner Überzeugung auch künftig eine gesellschaftliche, d. h. öffentliche Aufgabe sein. Deswegen ist das öffentliche Boden- und Flächenmanagement in allen seinen Facetten das einzige Gegengewicht zu einer zufälligen Entwicklung, d. h. zur privaten Willkür, in denen allein die Interessen des Kapitals bzw. der Investoren die Zukunftsgestaltung bestimmen. Räumliche Planung ist jedoch nicht ausschließlich Projekterfüllung wie es neuerdings von politischer Seite häufig proklamiert wird (4). Selbstverständlich muss sich die räumliche Planung zur Mitwirkung an sinnvollen Projekten bekennen und dort ihre Spielräume im Sinne einer zügigen Umsetzung ausschöpfen, aber es kann nicht darum gehen, jegliche Investition um jeden Preis zu ermöglichen.

3. Die Region als Handlungsebene für Boden- und Flächenmanagement

In der politischen Realität darf nicht übersehen werden, dass das Steuer- und Finanzsystem - ebenso wie die politischen Wahlperioden - kommunale Egoismen provoziert und die kommunalen Akteure unter Erfolgsdruck setzt. Dabei nimmt die Beurteilung politischer Erfolge durch Bürgerinnen und Bürger gelegentlich schizophrene Züge an - etwa, wenn Politikerinnen und Politiker daran gemessen werden, ob in ihrer Wahlzeit Bagger und Kräne angerückt sind oder "Stillstand" vorherrschte. Der viel zitierte Vorteils- und Lastenausgleich zwischen den Kommunen einer Stadtregion wird zwar seit Jahren eingefordert, wurde bislang jedoch nur in Ansätzen realisiert. Hintergrund dieser Ausgleichsforderung ist bekanntlich, dass es in den Stadtregionen nicht nur "pflegeleichte" Steuerzahler gibt, sondern zahlreiche Menschen in schwierigen Lebenslagen, die nicht gleichmäßig über die Region verteilt sind. In allen Stadtregionen gibt es aber Kommunen, die sich in ihrer Politik darauf konzentriert haben, Baugebiete für Besserverdienende auszuweisen und die sich damit der solidarischen Problemlösung entzogen haben. Weitere Ungleichheiten in den regionalen Belastungen ergeben sich unter anderem auch aus der ungleichen Verteilung sperriger und emittierender Infrastruktur (Flughäfen, Deponien, Rangierbahnhöfe etc.).

Diese und andere regionale Probleme erfordern eigentlich eine starke regionale Handlungsebene, die den erforderlichen Ausgleich herbeiführt und notwendige, aber auch unbequeme Entscheidungen zur Raumstruktur und -nutzung aus gesamtregionalem Gesichtswinkel fällt. De facto ist die regionale Handlungsebene in unserem politisch-administrativen System jedoch außerordentlich schwach ausgeprägt und in der Realität stark zersplittert. Entgegen der häufig publizierten Meinung habe ich die Erfahrung gemacht, dass regionales Boden- und Flächenmanagement vor Ort selten erwünscht ist. Zur Notwendigkeit regionalen Handelns möchte ich den Regionaldirektor der Region Stuttgart zitieren, der mit Blick auf die 179 zur Region Stuttgart gehörenden Gemeinden formuliert, dass 179 Insellösungen keine überzeugende Gesamtlösung für die Entwicklung der Region seien.

Auch wenn man die starke verfassungsrechtliche und politische Stellung der Gemeinden respektiert, wird man doch zu dem Ergebnis kommen, dass gerade in den funktional eng verflochtenen Großstadtregionen viele Aufgaben nur noch auf übergemeindlicher Ebene gelöst werden können. Bislang wird allerdings eine starke regionale Handlungsebene sowohl von den Gemeinden als auch von den Landesregierungen als Bedrohung und Einschränkung ihrer eigenen Machtposition empfunden. Erschwert wird das regionale Denken in den Stadtregionen durch das Nebeneinander kreisfreier Kernstädte und angrenzender Landkreise. Durch diese Konstellation wird ein in der Realität längst überholter Stadt-Land-Gegensatz unnötiger Weise perpetuiert; eine Veränderung ist durch die abwehrende Haltung des Landkreistages gegenüber neuen regionalen Verwaltungsstrukturen jedoch wenig wahrscheinlich (5).

Einen dauerhaft überzeugenden Ansatz zur regionalen Aufgabenwahrnehmung stellt aus meiner Sicht vor allem das Regionalkreismodell dar, wie es schon seit 1974 mit dem Stadtverband Saarbrücken realisiert wurde. Die Kernstadt hat in diesem Modell zwar bestimmte Sonderrechte, ist jedoch grundsätzlich in den regionalen Vorteils- und Lastenausgleich auf regionaler Ebene eingebunden. Auf diesem Grundmodell basiert auch die Region Hannover, die am 1.11.2001 ihre Tätigkeit aufnehmen wird. Für die aktuelle Diskussion um die stadtregionale Organisationsstruktur dürfte die Entwicklung in der Region Hannover einen durchaus beispielhaften Charakter besitzen. Nachdem hier seit fast 4 Jahrzehnten in einem regionalen Zweckverband gemeinsame Aufgaben für Kernstadt und Nachbarkommunen wahrgenommen wurden, wird die Qualität regionaler Kooperation mit der gebietskörperschaftlichen Lösung "Region Hannover" künftig weiter verbessert. Mit der Auflösung des bisherigen Landkreises Hannover und des bisherigen Kommunalverbandes Großraum Hannover wird eine entscheidende Voraussetzung dafür geschaffen, dass die neue Region Hannover als Rechtsnachfolgerin die wesentlichen Aufgaben dieser beiden Institutionen, aber auch eine Reihe von Aufgaben der Landeshauptstadt Hannover und der Bezirksregierung Hannover gebündelt übernehmen kann. Unterhalb der gebietskörperschaftlichen Ebene des Regionalkreises dürfte das erfolgreichste stadtregionale Organisationsmodell derzeit in der Region Stuttgart praktiziert werden, wo seit 1994 der Verband Region Stuttgart für zahlreiche regionale Aufgaben verantwortlich ist und dafür sogar über eine direkt gewählte Regionalversammlung verfügt (6). Interessante Diskussionen in Richtung auf eine stärker institutionalisierte regionale Handlungsebene werden seit einiger Zeit in mehreren Stadtregionen geführt; genannt sein die Regionen Kassel, Karlsruhe, Aachen, Rhein-Sieg und Halle.

Wenn für die Region als Handlungsebene trotz der jüngeren erfreulichen organisatorischen bzw. institutionellen Entwicklungen insgesamt eine eher schwache Stellung konstatiert werden muss, gilt diese Schwäche in noch stärkerem Umfang für die Regionalplanung in vielen Bundesländern. Gerade die Ebene der Regionalplanung wird jedoch benötigt, wenn ein überzeugendes regionales Boden- und Flächenmanagement gewünscht wird. Deswegen sei hier vor idealistischen Erwartungen bezüglich eines stringenten regionalen Flächenmanagements gewarnt. Das häufig beklagte Handlungs- und Vollzugsdefizit der regionalen Planung ist lediglich ein Spiegelbild der realen politischen Interessenlage. Von den genannten Ausnahmen bzw. Ansätzen abgesehen, beherrschen teilräumliche bzw. lokale Egoismen die Entwicklung der Stadtregionen. Auch aus diesem Grund muss realistischer Weise bei der Forderung nach einem wirksamen regionalen Boden- und Flächenmanagement von einer Gemeinschaftsaufgabe kommunaler und regionaler Institutionen ausgegangen werden. Im politischen Spannungsfeld zwischen kommunaler Selbstverwaltung und befürchteter regionaler Bevormundung können einschneidende Veränderungen der Flächenpolitik nämlich nur über weitreichende interkommunale bzw. regionale Konsensbemühungen erreicht werden. Dies gilt selbstverständlich auch für das regionale Flächen- und Bodenmanagement, wie es zumindest ansatzweise im Großraum Hannover praktiziert wird und das im folgenden Kapitel näher vorgestellt werden soll.

4. Ansätze des Kommunalverbandes Großraum Hannover zum regionalen Boden- und Flächenmanagement

4.1 Förmliche Planungs- und Sicherungsinstrumente

Der Kommunalverband Großraum Hannover, über dessen Tätigkeit hier berichtet wird, ist seit fast vier Jahrzehnten für die Regionalplanung im Großraum Hannover verantwortlich (7). Wichtigstes Planungsinstrument auf regionaler Ebene ist nach wie vor das Regionale Raumordnungsprogramm. Nachdem in Niedersachsen in den 80er Jahren aus politischen Gründen die Steuerungsmöglichkeit der Regionalplanung im Siedlungsbereich völlig gestrichen worden war, besteht seit Mitte der 90er Jahre erneut die Möglichkeit, Vorranggebiete für Siedlungsentwicklung in den Regionalen Raumordnungsprogrammen festzulegen und damit aus regionaler Sicht Schwerpunkte der Siedlungsentwicklung zu definieren. Der Kommunalverband Großraum Hannover hat in den Jahren 1995/96 mit der Neuaufstellung des RROP von dieser neuen Möglichkeit Gebrauch gemacht, was zu einer intensiven und z. T. kritischen Diskussion mit einigen Kommunen geführt hat. Dank einer intensiven informellen Vorarbeit, in der insbesondere das Wohnbaupotential im Umfeld der Bahnhöfe und Haltepunkte ermittelt worden war, konnten die Vorranggebiete für Siedlungsentwicklung in einem weitgehenden regionalen Kontext festgelegt werden (8).

Die Prüfung, ob die regionalen Ziele zur Siedlungsentwicklung im Rahmen der kommunalen Bauleitplanung eingehalten werden, obliegt ebenfalls dem Kommunalverband Großraum Hannover in seiner Funktion als untere Landesplanungsbehörde. Er gibt regelmäßig die Stellungnahmen nach § 1 (4) Baugesetzbuch ab, die dann bei der Genehmigung von Flächennutzungsplan-Änderungen von der Genehmigungsbehörde herangezogen werden. Auch in den Fällen, in denen Raumordnungsverfahren erforderlich werden, ist der Kommunalverband Großraum selbst zuständig. So wurde beispielsweise in den Jahren 1997/98 ein Raumordnungsverfahren zur Erweiterung des IKEA-Möbelhauses in Großburgwedel durchgeführt, in dem vor allem bezüglich der innenstadtrelevanten Sortimente der geplanten zusätzlichen Fachmärkte auf dem IKEA-Gelände eine deutliche Reduzierung der Gefährdungspotenziale erfolgt ist. Selten angewandt hingegen wird das Instrument der raumordnerischen Untersagung. Es gilt zu Recht als "letztes Mittel" der Raumordnung, um raumordnungswidrigen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken. Im Zusammenhang mit der Ausweisung von Bodenabbaugebiete wurde dieses Instrument angewandt; im Rahmen der Flächensteuerung im Siedlungsbereich wurde dieses Instrument im Großraum Hannover jedoch bislang noch nicht angewandt (9).

Im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit kommunaler Siedlungsplanungen mit den Zielen der Raumordnung sei noch vertieft auf die Frage der Eigenentwicklung eingegangen. Hintergrund dieses nicht unumstrittenen Instruments ist die raumordnerische Zielvorstellung, dass sich die Siedlungsentwicklung vorrangig auf die schienenerschlossenen Standorte bzw. bestimmte zentrale und gut mit Infrastruktur ausgestattete Ortsteile konzentrieren soll. In allen anderen, vorrangig den ländlichen Ortschaften, ist lediglich eine bescheidene, auf den örtlichen Bedarf abgestimmte Siedlungsentwicklung (Eigenentwicklung) zulässig. Die Interpretation dieses raumordnerischen Ziels hat jedoch immer wieder zu Diskussionen nicht nur zwischen Regionalplanung und Kommunen, sondern neuerdings auch zwischen Regionalplanung und Genehmigungsbehörde (Bezirksregierung) geführt. Deswegen hat der Kommunalverband Großraum Hannover ein Gutachten in Auftrag gegeben, um einen zeitgemäßen Umgang mit dem Instrument der Eigenentwicklung zu praktizieren. Dieses Gutachten, das soeben veröffentlicht wurde, geht nicht mehr von einem bestimmten prozentualen Ansatz aus, sondern verfolgt einen interessanten Ansatz über die zu besiedelnde Fläche (10).

4.2 Verhandlungen und Verträge

Eine zeitgemäße Regionalplanung zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass sie neben den harten Ordnungsinstrumenten verstärkt auf Verhandlung und Überzeugung setzt. Insbesondere die Verhandlungsplanung ist ein Weg, der auch in anderen Ländern bereits erfolgreich praktiziert wurde. Über das bereits erwähnte Raumordnungsverfahren hat der Kommunalverband beispielsweise die Möglichkeit, auch im Rahmen eines förmlichen Verfahrens auf dem Verhandlungsweg bessere Lösungen herbeizuführen. Gerade das angesprochene IKEA-Raum-ord-nungs-verfahren hat gezeigt, dass es gelingen kann, regionalverträgliche Lösungen zu finden, die auch mit dem Investor abgestimmt sind. Ein derartiger Einsatz eines weichen Instruments im Rahmen eines förmlichen Verfahrens wird in den Politikwissenschaften als "Kooperation im Schatten der Hierarchie" bezeichnet. Dies war auch der Ausgangspunkt für die Erarbeitung eines Regionalen Einzelhandelskonzeptes für den Großraum Hannover, die sich über gut 3 Jahre erstreckte. Ein konsensorientiertes Verfahren, in dem gemeinsame Ziele und Begrenzungen für die Einzelhandelsentwicklung in der ganzen Region erarbeitet wurden, führte schließlich zu einer förmlichen Änderung des Regionalen Raumordnungsprogramms (11).

Eine Zwischenstellung zwischen harten und weichen Instrumenten nimmt der Raumordnerische Vertrag nach § 13 ROG ein. Mit ihm werden zwar keine Ziele der Raumordnung aufgestellt, jedoch vorhandene Ziele gemeinsam interpretiert. Dabei kann es gelingen, die Interessen der unterschiedlichen Seiten - Gemeinden, Regionalplanung und Investoren - zusammenzuführen (12). Der Kommunalverband Großraum Hannover hat Raumordnerische Verträge bislang in zwei Fällen, und zwar zur Steuerung des großflächigen Einzelhandels und der Siedlungsentwicklung in einer kleineren Ortschaft eingesetzt. In beiden Fällen lag der Schlüssel zum Erfolg in der Schaffung einer Zeitstufenregelung, die für die Investoren Planungssicherheit und für den Kommunalverband eine geordnete Entwicklung verspricht.

4.3 Beratung und Marktbeobachtung

Als flankierende Instrumente sind die persuasiven Instrumente in ihrer Bedeutung und Wirkung nicht zu unterschätzen. Insbesondere die frühzeitige Abstimmung und Beratung sind wesentliche raumordnerische Einwirkungsmöglichkeiten, auch wenn sich nicht alle Kommunen hierauf einlassen. Aber auch die gezielte Information von Politik und Öffentlichkeit über relevante räumliche Entwicklungen kann zur Verwirklichung regionalplanerischer Ziele beitragen. So führt der Kommunalverband Großraum Hannover in mehrjährigem Abstand Workshops zur Baulandentwicklung mit den Kommunen und den Bauträgern durch. Damit kann nicht nur eine gemeinsame Informationsbasis geschaffen werden, sondern es gelingt häufig auch, Verständnis für regionalplanerische Sichtweisen auf die Siedlungsflächenentwicklung zu vermitteln (13). Diese Absicht bildet auch den Hintergrund für die Durchführung mehrerer Workshops zur Nachhaltigen Dorfentwicklung. Durch die Vermittlung guter Beispiele, wie es in kleineren Ortschaften gelungen ist, Handel, Dienstleistung und andere Arbeitsplätze im Dorf zu halten, wurde das Verständnis vermittelt, dass nicht Quantität (d.h. vor allem neue Wohngebiete), sondern insbesondere Qualität entscheidender Faktor in der Dorfentwicklung ist (14). Auch die jüngst entwickelte "Route der Wohnqualität" soll vor allem gute Beispiele vermitteln (15). Ein anderes Beispiel ist die Moderationstätigkeit des Kommunalverbandes auf Wunsch von Kommunen. So hat sich der Kommunalverband im laufenden Winterhalbjahr bereit erklärt, einen Diskussionsprozess zur Innenstadtentwicklung in einer kleineren regionsangehörigen Stadt zu betreuen (16).

4.4 Hannover Region Grundstücksgesellschaft

Ein weiteres Instrument zur praktischen Beeinflussung der Siedlungstätigkeit im Großraum Hannover stellt die Hannover Region Grundstücksgesellschaft (HRG) dar. Diese Gesellschaft, die vom Kommunalverband Großraum Hannover gemeinsam mit den regionalem Sparkassen getragen wird, soll sich primär um Erwerb, Entwicklung, Bevorratung und Vermarktung von Wohnbau- und Gewerbeflächen kümmern und einen spürbaren Beitrag zur Verbesserung des Baulandangebotes (mit Projekten in der gesamten Hannover Region) leisten. Mit der Vorhaltung eines ausgewogenen Bestandes an Wohnbau- und Gewerbeflächen soll eine Beitrag zur regionalen Entwicklung geleistet werden, aber auch ein öffentlicher Einfluss auf das Flächenangebot und die Preisgestaltung gewährleistet werden. Hierzu trägt der Verzicht auf Gewinnmaximierung bei Kapitalverzinsung und Verkaufspreisen bei, der bewusst als Beitrag zur Dämpfung der Baulandpreise gesehen wird. Deutlich ist in den Prinzipien der HRG auch eine Projektrealisierung entsprechend den Zielen der Regionalplanung (an Standorten mit zentralörtlichen Einrichtungen; Zuordnung von Wohn- und Arbeitsstätten; angemessene städtebauliche Dichte; ÖPNV) festgeschrieben.

Bilanz

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die Suburbanisierung eine bleibende Herausforderung für die Stadtregionen darstellt. Aus meiner Sicht gibt es keinen Zweifel, dass die Gestaltung der Suburbanisierung eine öffentliche Gemeinschaftsaufgabe der Kommunen und Regionen ist und auch künftig sein muss. Von der Tatsache, dass die regionale Ebene von ihren formalen Handlungsstrukturen und ihren Planungskompetenzen her nur begrenzt einsatzbereit ist, sollten wir uns nicht entmutigen lassen. Regionales Engagement ist trotzdem möglich. Dabei ist für ein erfolgreiches Flächen- und Bodenmanagement erforderlich und unumgänglich, das gesamte Spektrum harter und weicher Instrumente einzusetzen. Freiwillige Ansätze können aus meiner Sicht nur dann zum Erfolg führen, wenn sie eingebettet sind in ein grundsätzliches räumliches Ordnungskonzept, für dessen Umsetzung auch formale Instrumente zur Verfügung stehen. Insbesondere ist aber stets zu beachten, dass die Gestaltung der regionalen Entwicklung ein Gemeinschaftswerk regionaler, kommunaler und wirtschaftlicher Akteure ist. Auch das regionale Qualitätsmanagement und die Beeinflussung der Bautätigkeit über die Wirksamkeit des guten Beispiels sollte noch viel stärker in das Blickfeld planerischer Tätigkeit kommen.

Fußnoten:

(1) Akademie für Raumforschung und Landesplanung/Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (Hrsg.): Die Region ist die Stadt! Forschungs- und Sitzungsberichte 206, Hannover 1999 (zurück)
(2) Thomas Sieverts, Zwischenstadt: zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land, BraunschweigWiesbaden 1997. (zurück)
(3) Vgl. den folgenden Tagungsband: Kommunalverband Großraum Hannover (Hrsg.) ; Postsuburbia - Herausforderungen für Stadtregionales Management (Beiträge zur regionalen Entwicklung, Bd. Nr. 90) Hannover 2001 (zurück)
(4) Vgl. Wilhelm Adamowitsch: Die Zukunft Nordrhein-Westfalens innovativ und nachhaltig planen und gestalten. In: Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Nordrhein-Westfalen im 21. Jahrhundert. Die Zukunft planen und nachhaltig gestalten (ILS 172), Dortmund 2001, S.11-15 (zurück)
(5) Vgl. die kritische Position des Deutschen und des Niedersächsischen Landkreistages zum Gesetzentwurf über die Region Hannover auf der Anhörung des Innenausschusses des Niedersächsischen Landtages am 21.11.2000; vgl. auch: Hans-Günter Henneke, Region Hannover - Experimentierfeld ohne Fernwirkungen oder Keimzelle einer neuen Gebiets- und Funktionalreform? in: Der Landkreis 1 / 2001. (zurück)
(6) Vgl. Bernd Steinacher, Regionales Management für regionale Probleme, in: Auf dem Weg zu einer neuen regionalen Organisation? Rhein-Mainische Forschungen Heft 116, Frankfurt am Main 1999, S. 35-63 (zurück)
(7) Vgl. Jürgen Niebuhr-Ette/Axel Priebs: Regionalplanung im Großraum Hannover. In: In: Kommunalverband Großraum Hannover (Hrsg.): Großraum Hannover - Eine Region mit Vergangenheit und Zukunft. Beiträge zur regionalen Entwicklung, Heft 96, Hannover 2001, S.141-164 (zurück)
(8) Vgl. Axel Priebs: Festlegung von Vorranggebieten für die Siedlungsentwicklung - Erfahrungen aus der Region Hannover. In: Klaus Einig (Hrsg.): Regionale Koordinierung der Baulandausweisung. Berlin 2000, S. 79-90 (zurück)
(9) Vgl. Axel Priebs: Instrumente der Planung und Umsetzung. In: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Methoden und Instrumente räumlicher Planung (Handbuch). Hannover 1998, S.205-220 (zurück)
(10) Kommunalverband Großraum Hannover (Hrsg. ); Eigenentwicklung in ländlichen Siedlungen als Ziel der Raumordnung - Rechtsfragen, praktische Probleme und ein Lösungsvorschlag. Bearbeitet von Gerd Schmidt-Eichstaedt, Frank Reitzig, Klaus Habermann-Nieße und Kisten Klehn (Beiträge zur regionalen Entwicklung, Bd. Nr. 87) Hannover 2001 (zurück)
(11) Kommunalverband Großraum Hannover (Hrsg.): Regionales Einzelhandelskonzept für den Großraum Hannover - Verbindliche Festlegung - (Beiträge zur regionalen Entwicklung, Bd. Nr. 95) Hannover 2001 (zurück)
(12) Vgl. Willy Spannowsky: Verwirklichung von Raumordnungsplänen durch vertragliche Vereinbarungen. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.): Forschungen, Heft 93, Bonn 1999 (zurück)
(13) Kommunalverband Großraum Hannover (Hrsg.): Wohnbauland in der Region Hannover. Bilanz und Perspektiven. Materialien zur Regionalen Entwicklung, Heft 3, Hannover 1998 (eine aktualisierte Ausgabe wird demnächst erscheinen) (zurück)
(14) Vgl. die vom Kommunalverband Großraum Hannover herausgegebenen Dokumentationen der Workshops zur nachhaltigen Dorfentwicklung (Beiträge zur regionalen Entwicklung, Bd. 64, 70, 77 (Hannover 1998, 1999, 2000) (zurück)
(15) Kommunalverband Großraum Hannover/LBS (Hrsg.): Route der Wohnqualität - Besondere Wohngebiete in der Region Hannover entdecken. Beiträge zur regionalen Entwicklung Nr. 94, Hannover 2001 (zurück)
(16) Das Zukunftsforum Gehrdener Innenstadt wird im Winterhalbjahr 2001/2002 von der Stadt Gehrden unter Moderation des Kommunalverbandes Großraum Hannover bzw. der Region Hannover durchgeführt. (zurück)

Vom kommunalen zum regionalen Bodenmanagement
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